Allgemein, Baugeschichten

To Kill the Maxvorstadt

Kürzlich bin ich in der Süddeutschen Zeitung über einen Artikel gestolpert, dessen Gegenstand mir irgendwie bekannt vorkam. Das Gebäude in der Türkenstraße 52 wird nach jahrelangem Hin- und Her nun endgültig abgerissen. Fast schulterzuckend habe ich diese Nachricht zur Kenntnis genommen. Der Abbruch des Gebäudes wurde medial ausgeschlachtet, stand lange schon fest und war nur noch eine Frage der Zeit. Und das dazugehörige Fassadenfoto hatte ich schon seit Anfang 2017 im Kasten. Woher kam also dieses Gefühl, welches man beinahe schon als Gleichgültigkeit bezeichnen konnte? Pure Resignation. Das Gebäude war längst verloren, ich hatte mich innerlich schon verabschiedet und bin auch nicht mehr vor Ort gegangen um mir dessen Zerlegung live anzusehen.

Nun kann man genau an diesem Beispiel eine wunderbare aber ebenso frustrierende Diskussion führen, deren Antwort man schon vorweg nehmen kann. In einer von Geld regierten Welt werden Häuser wie dieses hier nicht überleben können. Punkt.

Dennoch möchte ich hier ein bisschen weiter ausholen. Bereits im Dezember berichtete die Süddeutsche Zeitung über die sich verändernde Türkenstraße und den verzweifelten Versuch des Bezirksausschusses der Maxvorstadt, die Türkenstraße zumindest im Abschnitt zwischen der Brienner Straße und der Georgenstraße unter Ensembleschutz zu stellen. Aber so einfach geht das nun mal nicht. Der Denkmalschutz ist das öffentlich-rechtliche Instrument, um erhaltungswürdige Gebäude für die Nachwelt zu sichern. Aber auch der Denkmalschutz, und das ist der springende und wesentliche Punkt, hat seine Kriterien und eben auch Grenzen. Er hat nicht die Aufgabe, Städte in ihrem Ist-Zustand „einzufrieren“, sondern er muss aufgrund definierter Kriterien selektieren und diese auch einhalten. Hier, und das ist für den Laien häufig nicht verständlich, geht es nicht rein um die Frage was schön ist und was nicht, und „alt“ muss im Übrigen auch nicht automatisch schön sein, sondern um den bauhistorischen Wert, der sich nicht immer am äußeren Erscheinungsbild ablesen lässt. Die Zuständigkeit hier alleine beim Denkmalschutz zu suchen, wenn es um die Erhaltung alter Gebäude geht, wäre also nicht richtig. Es muss ein anderes Instrument geben, um einer geld-gesteuerten Entwicklung entgegenzuwirken, und zwar ganz unabhängig öffentlich-rechtlicher baurechtlicher Vorgaben. Das Gesicht der Stadt ist nun mal einem ständigen Wandel unterworfen und ein gewisser Spielraum, eine Veränderung und Entwicklung muss immer möglich sein, aber man muss sich eigentlich – als Architekt und Bauherr – bei jedem einzelnen Fall die Frage stellen, wohin sich eine Stadt baukulturell hin entwickeln soll. Wie werden unsere Stadträume in 50 Jahren aus? Oder in hundert? Was machen wir dann mit den ganzen minderen Baustoffen, die jetzt im Neubau zum Einsatz kommen und deren Lebensdauer sicher nicht für mehr als 50 Jahre ausgelegt sind? Ist es spätestens dann nicht doch schade um die alten Fassaden aus dem 19. Jahrhundert, die nun mal mit einer völlig anderen Architekturauffassung hergestellt und gefertigt wurden? Sollte es im Sinne einer zukunftsorientierten, modernen und bewusst denkenden Gesellschaft nicht möglich sein, hier gute Lösungen zu finden? Alles nur Idealismus und Zukunftsmusik?

Zurück zur Realität. Das Gebäude in der Türkenstraße 52 wurde in den Jahren 1882/1883 errichtet, wurde nach genauerer Untersuchung 2008 vom Landesamt für Denkmalpflege aus der Denkmalliste gestrichen und konnte daher nicht mehr gehalten werden. Gründe hierfür waren baulichen Veränderungen, welche unter anderem aufgrund eines Kriegsschadens in der Nachkriegszeit vorgenommen worden sind, insbesondere die Aufstockung oberhalb des 3. Obergeschosses, sowie in weiterer Folge Änderungen im Treppenhaus und an der Schaufensterfassade im Erdgeschoss.

Zum Vergleich. Die Stadt Wien hat auf eine ganz schmerzliche Art und Weise einen anderen Weg eingeschlagen. Wenn wir uns die Listen über eingetragene Baudenkmäler in Wien anschauen, würden wir hier in München die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und uns darüber wundern, wie viele Gebäude im ja ach so schönen Wien gar nicht unter Denkmalschutz stehen. Pro Jahr gehen dadurch hunderte Gründerzeithäuser verloren. Aufgrund rechtlicher Eigentore, die sich die Wiener Stadtpolitik im vergangenen Jahr selbst geschossen hat und derer abermals viele, zu viele wertvolle Gebäude zum Opfer gefallen sind, müssen nun alle Gebäude, die vor 1945 errichtet worden sind, unabhängig davon, ob sie als Denkmal gelistet sind oder nicht, auf ihre Erhaltenswürdigkeit hin geprüft werden, wenn sie abgebrochen werden sollen. Es bleibt abzuwarten, zu welcher Entwicklung diese Maßnahme mittelfristig führen wird…

Zurück nach München in die Maxvorstadt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich während eines Aufenthalts in München, lange bevor ich hergezogen bin, eher zufällig in der Türkenstraße gelandet bin. Als ambitionierte Architektin wollte ich mir erst das Museum Brandhorst anschauen, dann die Sammlung in der Pinakothek der Moderne und dann noch ein bisschen durch die Maxvorstadt und Schwabing schlendern. Stadtteile von München kennenlernen, über die ich schon viel gehört habe. Ich war überrascht über die hohe Bebauungsdichte, die mich heute noch staunen lässt wenn ich Lagepläne und das Planungsrecht nach §34 Baugesetzbuch studiere und mit anderen Münchner Stadtbezirken vergleiche. Ich ließ’ mich von den vielen Antiquariaten verzaubern, habe vom wunderbaren Café Schneller in der Amalienstraße aus die rückwärtige Fassade der LMU bewundert, leckeren Kuchen gegessen und trinke dort bis heute noch gerne dessen vorzüglichen Kaffee.
Was mich aber auch erstaunt hat, war der stringente, rechtwinkelige und verhältnismäßig grobmaschige Aufbau des Straßenrasters, ziemlich schmale Gehwege an extrem stark befahrenen Straßen und der geringe Baumbestand, für den man ein paar Schritte gen Osten wohl einfach in den Englischen Garten geht.

Nun saß ich in einem der Cafés draußen an der Türkenstraße, war’s das Puck oder der Laden, vor meinen Augen rauschten die Autos vorbei, aus einem Hinterhof tönte das leise Brummen einer Baustelle. Ich habe mich gefragt, was denn dieser Situation so charmant ist,  dass alle möglichen Leute um mich herum so schienen, als würden sie Gefallen daran finden. Mein Blick fiel auf die Fassade des Gebäudes Türkenstraße 52 und auf einen Schlag war ich zufrieden gestellt. Den Blick eines solchen Gegenübers werde ich vermissen.


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: 1882 / 1883

Architekt: Heinrich Lehmpuhl

Merkmale und Besonderheiten: Neubarockes Mietshaus mit Erker Das Gebäude wurde 2008 aus der Denkmalliste des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege gestrichen. Das Nachbargebäude Türkenstraße 54 steht weiterhin unter Denkmalschutz und bleibt erhalten.

Abbruch des Gebäudes: Frühjahr 2019

Derzeitige Nutzung (2019): Baustelle

Besucht am 08 / 01 / 2017 und 01 / 07 / 2017

Adresse:  Türkenstraße 52 / 80799 München, Deutschland

Quellen & Weiterführende Links:

Aus für die Türkenstraße 52, Süddeutsche Zeitung, 28. Februar 2019
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/maxvorstadt-aus-fuer-die-tuerkenstrasse-1.4349736

Der Mythos einer Meile, Süddeutsche Zeitung, 12.Dezember 2018
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/maxvorstadt-der-mythos-einer-meile-1.4250601

Liste der Baudenkmäler in der Maxvorstadt, Abgegangene Baudenkmäler
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_der_Maxvorstadt

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