Allgemein, Baugeschichten

Räumt die Hallen!

Als ich das erdgeschossige, ziemlich heruntergekommene Gebäude der Gaststätte ‚Les Halles‘ auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs Derendorf im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort betrat, überkam mich unverzüglich ein beinahe schauderhaft-gespenstisches Gefühl. Ein Ort unbeschreiblicher Schönheit, überladen mit Patina, so als hätte jedes einzelne Staubkorn eine eigene Geschichte geschrieben. Schauderhaft-gespenstisch deshalb, weil damals schon etwas in der Luft lag. Dieser Ort und Raum war so unwirklich, dass seine Lebenszeit beschränkt sein musste. Der Anlass meines Besuchs war ein denkbar freudiger, nämlich der 59. Geburtstag meiner Mutter. Nun hat uns der Zufall irgendwie ausgerechnet an diesen versteckten Ort verschlagen, denkbar ungünstig gelegen für uns beide wenn man ehrlich ist. Meine Mutter in Wien lebend, ich in Frankfurt am Main. Nachdem es mich aber aus beruflichen Gründen zu der Zeit häufig nach Düsseldorf und weiter nördlich noch in den Pott verschlagen hat, war da diese innere Stimme, die mir sagte, dass ich diese Ecke Deutschlands meiner Mama zeigen wollte. Da war diese fast schon holländische Atmosphäre, mit den vielen Backsteinbauten, den schmalen und hohen Häuserfassaden und großformatigen, einsehbaren Fenstern, der rheinländische Akzent der durchwegs redseligen Menschen, dann aber auch das viele Grau, das sich vom Himmel aus über Städte und das Land legte, dieses ganz intensive stahlgrau, das unentwegt so aussah, als würde es jede Minute anfangen zu regnen, wenn es nicht ohnehin schon ganz wie in niederländischer Manier nieselregnete. Der omnipräsente Industriecharm und eine mir noch ganz unbekannte Mentalität. Der Rhein, der eine ganz andere und viel größere Dimension hatte, als ich ihn aus der Region zwischen Koblenz und Mainz oder gar aus Basel kannte. DAS war der Rhein, nachdem die Rheinische Sinfonie von Schumann benannt worden war, nicht dieses zarte Gewässer an der deutsch-schweizerischen Grenze.

Ich erinnere mich an ein vollgepacktes Wochenende mit allerhand Kultur, an das Schumann-Haus und Keramikmuseum, den Alten Hafen das Rheinufer,  die Altstadt etc. in Düsseldorf, an die Zeche Zollverein und eine Händel-Oper im Aalto-Theater in Essen. Das alles an einem trüben Novemberwochenende, an dem die Tage im für uns hohen Norden noch viel kürzer schienen als ohnehin schon. Wie wir nun ausgerechnet auf die Idee gekommen sind, das Mahl zur Feier des Tages im ‚Les Halles‘ zu uns zu nehmen – ich weiß es nicht mehr.

Der ehemalige Güterbahnhof Derendorf. Was für ein geschichtsträchtiger Ort. Seine Geschichte geht ins Jahr 1877 zurück. Er war Ausgangspunkt der Rheinischen Strecke über Wuppertal nach Dortmund. Zwischen 1941 und 1944 fanden hier Deportationen jüdischer Bürger statt, die zu Tausenden in Ghettos und Konzentrationslager verschleppt wurden. Seit 2012 erinnert auf dem Gelände ein Mahnmal daran.

Der Betrieb des Güterbahnhofs wurde ab 1990 schrittweise eingestellt. Das Areal liegt verhältnismäßig innenstadtnah und ist an den öffentlichen Verkehr sehr gut angebunden. Solche Areale sind die städtebaulichen Herausforderungen unserer Jahrzehnte, wie es sie in vielen europäischen Städten dieser Größenordnung gibt und es sind die Flächen, die zur Schaffung von neuem Wohnraum und auch anderen Nutzungen herangezogen werden. „Entwickelt“ sagt man im Immobilienjargon so gerne. Ich lehne es nicht grundsätzlich ab, dass solche Flächen neu bebaut werden, denn in Anbetracht des steigenden Wohnraumbedarfs in den Großstädten müssen neue Flächen zu Bauraum gemacht und der Platz genutzt werden, wenn die bisherige Nutzung nicht mehr zeitgemäß ist bzw. aufgegeben wurde. Bedauerlicherweise geht in solchen Projekten der Einfachheit halber nahezu alles verloren von dem, was mal da war.
Das Areal bzw. die Gebäude auf dem Gelände standen nicht unter Denkmalschutz, also war es naheliegend, dass seit 2005 sukzessive die alten Gebäude abgerissen wurden um den Neubauprojekten Platz zu schaffen.

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Als wir auf das Gelände kamen, war vom alten Güterbahnhof nicht mehr viel zu sehen. Die Bauarbeiten für das neue hier entstehende Stadtviertel waren bereits aufgenommen, und das kleine Les Halles stand da wie ein winziger, alleine gelassener Außenseiter. Umgeben und bedroht von großformatigen Rohbauten, die dem Gebäude ein Ablaufdatum verpassten. Alleine schon die Ausrichtung des Gebäudes mutete nach einem Bruch im nunmehr geordneten Raster an. Irgendwas war hier aus dem Gleichgewicht geraten.

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Drinnen jedoch schien die Welt noch ganz unverändert die alte zu sein. Es fühlte sich an wie ein Abtauchen in eine andere Sphäre. Jeder Raum wollte entdeckt werden, in all seinen Facetten. Die Geometrie und Proportionen der einzelnen Räume, die Möblierung, jedes einzelne Objekt, alle  Oberflächen, Texturen und Materialien, die vielen Farben. Das Aquarium, durch das man in den angrenzenden Raum hindurch gucken konnte.  Wandfliesen aus einem leuchtenden türkis, die vielen prominenten Deckenlüster und die riesigen in die Jahre gekommenen Spiegel mit ausladenden und verschnörkelten Holzrahmen, die Kerzenhalter aus Messing, der prunkvoll verzierte Tresen, die Fensterscheiben aus Gußglas, durch das das Licht von außen in unterschiedlichen Farbschattierungen und Winkeln in den Raum brach. Kleine Statuen, Samtvorhänge zwischen zwei Räumen,  Wandgemälde an einer gestreiften Tapete, ein Kreuz in der Ecke. Hölzerne, kassettierte raumhohe Wandvertäfelungen. Die Glasoberlichter zwischen verputzten Unterzügen. Eine alte Nähmaschine, Flaschen mit Hochprozentigem auf den Fensterbänken, eine Getränke-Vitrine, auf der in der Schriftart der Pariser Metro die Wörter Liberté, Égalité und Fraternité leuchteten. Darüber das alte Schild mit der Aufschrift „Güterabfertigung Derendorf“. Irgendwo ein Oberlicht, das sich aus einzelnen, kleinen, bunten Glasflächen zusammensetzte und ein stimmiges Muster über einer Wandöffnung bildete, im Vordergrund eine rohe Backsteinwand. Ein Biedermeier Fauteuil mit dazu passendem Tisch, wie ein kleines Separée abseits der regelmäßig angeordneten Holz-Esstische. Und dann alles in Kombination – die Sichtverbindungen von einem Raum in den anderen. Ich kam aus dem Staunen einfach nicht heraus.

Nun stelle man sich die folgende Situation vor: Man betritt ein Restaurant oder Café, und unverzüglich stellt sich die mitunter nicht ganz einfache Frage wohin man sich mit seiner Begleitung setzen möchte. Von welchem Platz aus hat man die schönste Aussicht,  an welcher Stelle im Raum möchte man sich niederlassen, auf welchem Stuhl lässt sich gut länger sitzen, welcher Tisch gefällt einem hinsichtlich Form und Material am besten, ist es an irgendeiner Stelle zu laut / zu eng / zu kalt? An diesem Ort war all dies völlig einerlei. Hier war einfach _jeder_ Platz perfekt.   

Wenn ich mir heute Photos von diesem gemeinsamen Geburtstags-Mittagessen ansehe, kommt es mir vor als wäre es eine perfekt inszenierte Szene in einem Film in einem ebenso perfekten Setting gewesen. Wohlwissend, dass der Ort heute nicht mehr existiert. Gleichzeitig aber glücklich und dankbar für diesen aufgrund seiner Zufälligkeit, Perfektion und seiner Vergänglichkeit einzigartigen und äußerst wertvollen Moment.

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Die Gaststätte und Musikbar gab es seit 2001. Ende 2014 wurde der Betrieb eingestellt, die ansässige Fangemeinde hat sich Medienberichten zufolge mit diversen Veranstaltungen und Parties ausgiebig vom Gebäude verabschiedet. Die Website http://www.les-halles.de mit einer exquisiten Bildergalerie existiert bis heute noch. Das Gebäude wurde für den Bau eines 60m-Turmes abgerissen. Ob dieser so wie geplant ausgeführt wurde, möchte ich gar nicht wissen.

Der Club hätte am Medienhafen im Bereich der Holzstraße einen neuen Standort bekommen sollen. Man wollte ihn weitestgehend originalgetreu wieder aufbauen, Interieur und Theke inklusive. Ob etwas daraus geworden ist, ließ sich mir nicht erschließen.


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: unbekannt, ebenso wie der Architekt.

Merkmale und Besonderheiten:  Erdgeschossiges Gebäude, frühere Nutzung als Teil des Güterbahnhofs. Das Gebäude stand nicht unter Denkmalschutz.

Schließung der Gaststätte: Ende 2014, Abriss im September 2015

Derzeitige Nutzung (2019): geplanter Bau eines Hochhauses mit Hotelnutzung

Besucht am 26 / 11 / 2011 

Adresse: Schirmerstr. 54, 40211 Düsseldorf

Quellen & Weiterführende Links:

Wikipedia
Bahnhof Düsseldorf-Derendorf
https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnhof_Düsseldorf-Derendorf

Neue Stadtquartiere Derendorf
https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Stadtquartiere_Derendorf

Abriss des „Les Halles“ hat begonnen, Rheinische Post Online, 23.09.2015
https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/stadtteile/pempelfort/abriss-des-les-halles-hat-begonnen_aid-19859027

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