Allgemein, Baugeschichten

Was tät‘ i ohne Kotányi?

Was ist zu tun, wenn durch den Abriss eines Gebäudes plötzlich ein lange verborgenes und verblüffend gut erhaltenes Werbebild der Firma Kotányi aus den 50er Jahren zum Vorschein kommt? Genau. So schnell wie möglich hinfahren und es sich anschauen. Denn in Zeiten wie diesen, in denen jede innerstädtische Baulücke eine Goldgrube zu sein scheint, wird dieser Anblick nur von kurzer Dauer sein.

Der Freilegung ist der Abriss des ehemaligen Finanzamts auf der Nußdorfer Straße in Wien-Alsergrund vorausgegangen. Bei dem Amtsgebäude handelte sich um einen dunklen, sechsgeschossigen und unumstritten hässlichen Bau aus den 70er Jahren, um dessen Verlust es einem ausnahmsweise nicht leid tun musste.

Als das Plakat auftauchte, war das Staunen groß. Zwischen dem Bild und dem Finanzamtsgebäude bestand ein 15 Millimeter breiter Spalt wodurch das Bild die vergangenen vier Jahrzehnte einigermaßen unbeschadet überstanden hat. Ein gefundenes Fressen für alle Nostalgiker und Liebhaber graphisch gestalteter Feuermauern. Was hätte der Schöpfer dieses gemalten Wandbildes, der Grafiker August Schmid wohl dazu gesagt, dass er knapp siebzig Jahre später als Streetart-Künstler mit umschlagbarem Retrocharme entdeckt werden und sein Bild heute als schickes Mural durchgehen sollte, das sich wochenlang in Windeseile als beliebtes Fotomotiv in den sozialen Netzwerken verbreitete?

‚Was tät’ i ohne Kotányi?‘ ertönt die Melodie des bekannten Werbeslogans in meinem Gedächtnis. Hinter dem Namen Kotányi steckt für mich als gebürtige Wienerin, die im Burgenland aufgewachsen ist, natürlich noch viel mehr als die Bezeichnung eines österreichischen Traditionsunternehmens. Es ließe sich schlicht und einfach mit dem Wort ‚Paprika‘ beschreiben. Dies würde jedoch den zahlreichen Assoziationen, die sich ich in diesem Moment auftun und mich zunächst zum Schmunzeln bringen, in keinster Weise gerecht werden.

,Letscho!‘ war die mit Abstand häufigste Antwort auf die tägliche Frage zu Hause, was es denn zum Essen gab. Automatisch formten meine Gesichtszüge einen gelangweilten und enttäuschten Ausdruck, während ich von Kaiserschmarren und Palatschinken träumte. In der damals noch wenig verbreiteten vegetarischen Küche war die Gemüsebeilage aus roten, grünen und manchmal auch gelben Paprika und Tomaten aufgrund der geringen Zubereitungszeit und der uneingeschränkten Verfügbarkeit der Zutaten zu jeder Jahreszeit ein Klassiker und bei uns entsprechend häufig auf dem Teller. Und so verhasst mir der Gedanke an dieses Gericht damals war, löst der Anblick und Geruch dieses feingemahlenen, tief dunkelroten, edelsüßen Gewürz ein umso größeres Gefühl von Wohlbehagen aus.

Jedes Mal, wenn ich nach Wien fahre, decke ich mich mittlerweile mit einem großzügigen Vorrat an edelsüßem Paprika ein. Das lieb gewonnene Gewürz kommt in meiner Küche überall hinein und oben drauf. Aufs Käse- oder Avocadobrot, in meinen Liptauer und jeden anderen Aufstrich, in die Suppe, den Salat, und natürlich – wie bei Neni am Naschmarkt – gemeinsam mit Olivenöl auf Hummus. Eine Augenweide.

Natürlich hat Kotányi weit mehr zu bieten als den edelsüßen Paprika. Das heutige Sortiment umfasst unzählige Gewürze, Kräuter und abgestimmte Gewürzmischungen für jeden Geschmack und aller Couleur. Durchschnittlich werden jährlich ca. 10.000 Tonnen Gewürze umgesetzt. Wirft man einen Blick auf die bewegte Firmengeschichte, erfährt man von dem aus Ungarn stammenden Gründer János Kotányi, der in den 1880er Jahren im ungarischen Szeged mit seiner Produktion von Paprikapulver anfing, und dem schmerzlichen Verlust seines Unternehmens durch die Arisierung im zweiten Weltkrieg. Vom Tod des Firmengründers, in welchen er durch die Nazis getrieben worden ist und der späteren und nicht ganz komplikationslosen Zurückgewinnung des Unternehmens, das heute vollständig in Familienbesitz der Nachkommen ist.

Das Werbebild ist tatsächlich einige Monate nach seiner Entdeckung wieder überbaut worden. Gute zwei Jahre später lässt sich nichts mehr davon erahnen an der Nußdorfer Straße 90-92, wo kürzlich ein siebengeschossiger Wohnkomplex mit ca. 160 fertig gestellt wurde.



Zum Nachkochen das Letscho-Rezept originalgetreu nach meiner Mutter.

6 Paprikaschoten (rot, gelb, grün)
1 Zwiebel, gehackt
Öl zum Anbraten
500 g Paradeiser
Salz und Pfeffer
3 EL edelsüßes Paprikapulver
2 Knoblauchzehen, gepresst

Öl leicht anbraten. Zwiebel dazugeben und dünsten. Paprikapulver dazugeben und unterrühren. Die in Streifen geschnittene Paprikaschoten dazugeben. Die gestückelten Paradeiser ebenfalls beigeben. Knoblauch beigeben. Salzen und pfeffern. Langsam bei geringer Hitze weich dünsten.
Zu gekochten Bandnudeln servieren.


Weitere Hinweise:

Entstehungszeit des Werbebilds: 1950er Jahre.

Graphiker: August Schmid

Merkmale und Besonderheiten: Freilegung des Bildes durch den Abbruch des Nachbargebäudes im September 2016, Überbauung Anfang 2017

Derzeitige Nutzung (2019): 7-geschossige Wohnanlage mit ca. 160 Wohnungen kürzlich fertiggestellt

Besucht am 29 / 12 / 2016

Adresse: Nußdorfer Straße 90-92, 1090 Wien, Österreich

Quellen & Weiterführende Links:

Wikipedia, Kotányi (Unternehmen)
https://de.wikipedia.org/wiki/Kotányi_(Unternehmen)

Bei Finanzamt-Abriss: Riesiges Werbebild aus den 1950ern entdeckt
meinbezirk.at, 22.09.2016
https://www.meinbezirk.at/alsergrund/c-lokales/bei-finanzamt-abriss-riesiges-werbebild-aus-den-1950ern-entdeckt_a1872027

Die Geschichte hinter einem Plakat, Die Presse, 30.09.2016
https://diepresse.com/home/panorama/wien/5094525/Die-Geschichte-hinter-einem-Plakat

Kotányi, Firmenwebsite
https://www.kotanyi.com

Neubau Nußdorfer Straße 90-92
https://premiumdevelopment.eu/de/projekte/14-nußdorfer-straße-90-92

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s