Allgemein, Baugeschichten

Der Obelisk auf dem Brachland

Wer mit der S2 von Dachau kommend Richtung München fährt und rechterhand aus dem Fenster schaut, wird unweigerlich seinen Blick auf das ehemalige Diamalt-Werk im Stadtteil München-Allach richten und möglicherweise daran hängen bleiben. Oder wie in meinem Fall einige Tage später wieder zurück kommen, um das Gelände ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Für eine kleine Momentaufnahme, denn auch hier ist die tickende Uhr bereits zu hören, dass eine neue Bebauung auf dem Areal nur eine Frage der Zeit sein wird.

Zur Geschichte des Diamalt-Geländes: Die Diamalt AG, welche Backhilfsmittel und Suppenwürze herstellte, wurde 1902 gegründet. Zuständig für Entwurf und Ausführung der Fabrikgebäude waren die Architekten Franz Rank und seine Brüder, die in München mir weitaus bekanntere Gebäude geplant haben, nämlich die Pfarrkirche St. Johann Baptist in München-Solln, das Geschäftshaus der Buchdruckerei und Verlagsanstalt Carl Gerber, und auch den Lindwurmhof an der Lindwurmstraße.

Durch diverse Anteilsverkäufe und Eingliederungen in andere Firmen wurde das Unternehmen 1984 aufgelöst. Der Standort in München-Allach wurde 1994 aufgegeben und war lange Zeit ungenutzt. Von den Fabrikgebäuden sind heute noch das Kesselhaus mit Schornstein, welches um 1914/1915 erbaut wurde, und der sogenannte Diamalt-Turm mit seinen Erweiterungen erhalten, welche beide unter Denkmalschutz stehen. Das Kesselhaus wurde bereits um 2014 saniert, hier befinden sich heute Wohnungen und Büros.

Der fünfgeschossige Kernbau von 1902/03, die ehemalige Suppenwürzenfabrik bzw. später das Lagerhaus mit seiner dreigeschossigen Erweiterung von 1907/08, in der sich die Werkstätte befand, steht seit der Schließung leer und ist durch geeignete Sicherungsmaßnahmen wie zugemauerten Fensteröffnungen einerseits vor Vandalismus, andererseits vor schädlichen Witterungseinflüssen geschützt. Ein wenig wie ein Geisterschloss sieht es aus, so vor den grauen Wolken. Gleichzeitig aber auch wie ein Obelisk, der sich aus der Brache emporhebt.

Was ich an diesen Ruinen liebe? Ihre Abrisskanten, an denen sich erahnen lässt, wie ein Gebäude an der Stelle wohl weitergegangen ist. Mal ist es eine Wandtapete oder es sind Fliesen, die Kontur eines Treppenlaufs oder -absatzes, ein Wanddurchbruch mit einer Türzarge, der stirnseitige Ansatz einer Mauer oder Zwischenwand. Mauerstärken, Baumaterialien, Geschosshöhen und Raumtiefen sind zu erkennen. Abrissfassaden lesen könnte man bezeichnen, was ich da mache.

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Da sind frühere Innenräume nunmehr Außenfassade und geben damit ein ganz eigentümliches Bild ab. Beim Diamalt-Turm bzw. seinem späteren dreigeschossigen Anbau (+Dach), wurde bereits bis auf den Rohbau zurückgebaut. Dennoch sieht man noch Reste des Fliesenmörtelbetts und die zweiflügeligen Türen eines nicht mehr vorhandenen Lastenaufzugs an der Westseite des Gebäudes. Spannend. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Auf der den Schienen zugewandten Seite wiederum wächst aus einem Fenster im 4. Obergeschoss ein… hm, Baum? Darüber hinaus scheint sich hier ein weiterer Anbau über die ersten anderthalb Geschosse erstreckt zu haben, der ebenfalls erst nachträglich hergestellt wurde, wie man aus den zugemauerten und verputzten Fensternischen des Hauptbaus schließen kann – wie an dieser Stelle der Dachanschluss des Anbaus ausgesehen haben muss? Der Anbau jedenfalls an der Stirnseite ist weg, seine Verlängerung hingegen steht noch.

Was bedeutet nun der Denkmalschutz der beiden Gebäude für die weitere Entwicklung des Geländes? Auf jeden Fall Gutes! In erster Linie deshalb, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es genau der richtige Weg ist, zumindest ein erhaltungswürdiges Gebäude einer historischen Anlage in die Planung eines neu zu bebauenden Areals zu integrieren. Als Bezugspunkt schafft ein solches Gebäude nicht nur Orientierung sondern auch Identität. Es spannt den Bogen zwischen dem, was in der Vergangenheit an diesem Ort einmal statt gefunden hat und tritt dann – wenn auch in veränderter Funktion – in einen Dialog mit der Gegenwart. Gleichzeitig können durch eine Nutzungsänderung mutige, unkonventionelle und individuelle Lösungen entwickelt werden. Im Fall des Diamalt-Turmes sind wegen der beträchtlichen Gebäudehöhe in der Sanierungsplanung durchaus erhöhte Anforderungen und strenge Vorschriften zu berücksichtigen. Eine Herausforderung, an der ich mich am liebsten selbst versuchen wollte…


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: Kerngebäude (Turm): 1902/03, Erweiterung 1907/08, Kesselhaus 1914/15

Architekten: Franz Rank mit Brüdern Josef und Ludwig Nutzung eingestellt: 1994

Derzeitige Nutzung (2019): geplantes Stadtquartier „Diamaltpark“ mit ca. 780 Wohnungen

Besucht am 14 / 04 / 2017

Adresse: Am Münchfeld 40-44, 80999 München

Quellen & Weiterführende Links:

Wikipedia, Diamalt https://de.wikipedia.org/wiki/Diamalt

Wikipedia, Franz Rank https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Rank

Altlas der Baudenkmäler, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege D-1-62-000-7934, Am Münchfeld 40; Am Münchfeld 42; Am Münchfeld 44; Georg-Reismüller-Straße 34; Georg-Reismüller-Straße 36; Nähe Georg-Reismüller-Straße; Nähe Ludwigsfelder Straße. S. 107 https://www.geodaten.bayern.de/denkmal_static_data/externe_denkmalliste/pdf/denkmalliste_merge_162000.pdf

Diamaltplark München-Allach
https://www.diamaltpark.de

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