Allgemein, Baugeschichten

Kurz und schmerzlos

Beinahe hätte ich ihn unkommentiert gelassen, den Abriss des Hotels Königshof am Stachus. Im letzten Moment, als der Bagger drauf und dran war, den raumhoch verglasten Vorbau der Beletage in Einzelteile zu zerlegen, habe ich kurzentschlossen dann doch für ein paar letzte Bilder die Kamera aus der Tasche geholt.

Dass das Münchner Traditionshotel an der prominenten Adresse Karlsplatz 25 einem Neubau weichen sollte, stand schon lange fest, um nicht zu sagen sehr lange. Für den Neubau wurde ein höchstkarätig besetzter Wettbewerb ausgelobt, aus welchem 2013 bzw. endgültig 2014 das spanische Architekturbüro Nieto Sobejano Arquitectos als Sieger hervorging.

Warum mir dieser Abriss nicht allzu sehr zu Herzen geht, habe ich mich in den letzten Wochen häufig gefragt, während ich in der Straßenbahn saß und eine Station später voller Wehmut auf die Schalterhalle des Hauptbahnhofs blickte, die in wenigen Tagen das gleiche Schicksal ereilen wird. Ganz einfach: Weil ich diesmal durchaus positiv auf den Neubau gespannt bin.

Nichtsdestotrotz war der Aufschrei der Münchner Stadtbevölkerung groß, als der Siegerentwurf der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Offen gestanden habe ich nicht recht verstanden, warum. Natürlich, der Entwurf ist gewagt, das neue Hotel wird mit seinen geplanten neun Geschossen höher sein als bisher und eine auffallend moderne Handschrift tragen – aber an welcher, wenn nicht dieser Stelle in München, sollte dies kein Fehler sein?

Von den Architekten halte ich im Grunde sehr viel, haben sie doch die Moritzburg in Halle an der Saale in zwar sehr mutiger und zeitgenössischer Art, aber dennoch mit sehr viel Fingerspitzengefühl umgebaut und zu einem meiner Lieblingsmuseen hierzulande gemacht. Diese Madrilenen sind Ästheten. Architekten, die ein Gespür für Form und den richtigen Umgang mit Material haben. Denen kann man zutrauen, dass sie einen aussagekräftigen Baukörper hinstellen werden, den man auf gut Deutsch „anschauen“ kann und dessen Bauzeit in einigen Jahrzehnten eindeutig ablesbar sein wird.

Vermutlich lebe ich noch nicht lange genug in München, um den engen Bezug zum Königshof zu haben, wie ihn die alteingesessene Münchner Bevölkerung hat. Zugegebenermaßen war ich auch nie drinnen, handelte es sich doch um einen Luxushotel… Aber ja! Diese Fassade in Eierschalenfarbe hatte natürlich was! Diese Fenster mit ihren fetten Profilen und grob abgerundeten Ecken, die einen eher an ein U-Boot erinnern ließen als an ein Gebäude. Richtig hell konnte es in den Zimmern hinter den gefühlsmäßig zu klein geratenen Fensteröffnungen nicht gewesen sein. Kultigstes Element war aber bestimmt das ausladende Restaurant im ersten Obergeschoss mit den ebenfalls deutlich abgerundeten Gebäudeecken. Ein intensiver Blick darauf, insbesondere auf die adrett drapierten Vorhänge an der Fassade genügte, um in die Untiefen der Innenraumgestaltung der 70er Jahre einzutauchen.

Von hier aus hatte man bestimmt einen beeindruckenden Blick in Richtung der Münchner Innenstadt. Die Lichter des Straßenverkehrs vor der Haustür, das Karlsrondell mit der Leuchtwerbung eines Unternehmens für Leuchtmittel, das Karlstor, schräg dahinter die Türme der Frauenkirche im Dächermeer. Ein ganz kleines bisschen Piccadilly Circus mitten in München. Freistehend und genau mittig in der Blickachse des ehemaligen Stadttors und eingerahmt von zwei prominenten und auch nicht gerade niedrigen Einzelbaudenkmälern. Zwischen dem immerhin achtgeschossigen Kaufhof, ebenfalls einem Gebäude aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und andererseits dem neobarocken Justizpalast fand ich das Hotel Königshof ehrlich gesagt ohnehin immer ein wenig gedrungen. An dieser Stelle ist eine gewisse Gebäudehöhe daher kein Fehler. Ich glaube, der Neubau wird dem Platz städtebaulich wie architektonisch gut tun.

Vollständigkeitshalber noch ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher: 1866 wurde in der prominenten Lage zwischen dem Hauptbahnhof und der Altstadt das Hotel Bellevue errichtet. Es wurde einige Jahre später diversen Umbauten unterzogen und erhielt nach Ausbruch des ersten Weltkrieges den Namen Hotel Königshof. Im Zweiten Weltkrieg wurde es bis auf seine Außenmauern zerstört. Das uns bekannte Hotel wurde dann 1955 neu errichtet und Anfang der 70er Jahre generalsaniert. Nun ist die Zeit gekommen für die Dritte Generation. Hotel Königshof 3.0 in the making…


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: 1955, Generalsanierung 1970

Schließung des Hotels: 2018
Derzeitige Nutzung (Mai 2019): Abbriss, geplante Eröffnung des Hotelneubaus: 2021

Fotos vom 09 / 05 / 2019

Adresse: Karlsplatz 25, 80335 München

Weiterführende Links & Quellen:

Wikipedia, Hotel Königshof
https://de.wikipedia.org/wiki/Hotel_Königshof_%28München%29

Hotel Königshof: Wagnis am Stachus, Süddeutsche Zeitung
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/architektur-innenstadt-bauprojekte-1.3232470-3

Hotel Königshof München
https://www.koenigshof-hotel.de

Wikipedia, Nieto Sobejano Arquitectos
https://de.wikipedia.org/wiki/Nieto_Sobejano_Arquitectos

Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
https://www.kunstmuseum-moritzburg.de

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