Allgemein, Baugeschichten

Vom Ankommen und Abreis(s)en

Vergangenen Montag Vormittag war es soweit. Die zwischen 1950 und 1953 errichtete Schalterhalle des Münchner Hauptbahnhofs wurde endgültig geschlossen und wird nun dieser Tage Stück für Stück auseinander genommen und abgetragen.

Ich kann es höchstens grob überschlagen, wieviele unzählige Male ich in diesen Bahnhof ein- und von hier abgefahren bin. An das erste Mal – 2008 muss es gewesen sein – erinnere ich mich jedoch noch sehr genau. Damals noch in Frankfurt am Main lebend, war ich verwöhnt von einem relativ frisch renovierten prächtigen Bahnhofsgebäude, das sich mit den bekannten historischen deutschen Bahnhöfen von Hamburg und Leipzig in eine Reihe stellen kann. Dementsprechend nüchtern war mein erster Eindruck bei meiner Ankunft in der bayerischen Landeshauptstadt. „Ein bissl so wie in Wien“, dachte ich mir, war ich ja schon fast an der österreichischen Grenze. Ein Nachkriegsbahnhof halt – und hatte den Wiener Westbahnhof aus derselben Bauzeit im Hinterkopf.

Doch Moment. Es gibt Nachkriegsbahnhöfe, die sich durchaus sehen lassen können. Der Bahnhof in Heidelberg fällt mir hier an allererster Stelle ein. Guckt euch den an! 1955 erstellt, besticht er heute noch mit einer klaren, unaufgeregt reduzierten Architektur und einem wunderbar großzügigen, lichtdurchfluteten Innenraum.

Als langjährige und konsequente Bahnreisende liegen mir Bahnhofsgebäude logischerweise sehr am Herzen. Nicht ohne Grund tragen sie die Bezeichnung „Kathedralen der Reisenden“, denn in der Tat – das sind sie. An einem Ort ankommen oder ihn verlassen, zwei häufig emotional aufgeladene Momente. Die Bahnhofshalle fungiert als Portal zu einer noch unbekannten Stadt und ist gleichzeitig Tor zur Welt. Welche Bahnhöfe mir hier als erstes einfallen? Einerseits der Kopenhagener Zentralbahnhof nach einer langen Nacht im Liegewagen und die stimmungsvolle Ausfahrt aus der Glasgow Central Station am Ende meiner Schottland-Reise.

Auf den Bahnsteigen großer wie kleiner Bahnhöfe finden Verabschiedungen sowie langersehnte Wiedersehen zwischen Verwandten, Freunden und Verliebten statt. Hier spielt sich großes Kino ab, und die Bahnhofshalle ist seine Bühne. Nichts romantischer als das.

Da beobachte ich mit großem Bedauern die aktuelle Entwicklung, wie sich Bahnhofshallen zunehmend zu Konsumtempeln und Fast-food Fressmeilen entwickeln. Sollen sie meinetwegen die B-Ebenen vollstopfen mit Geschäften.

Wollen wir nun einen Blick auf die Geschichte des Münchner Hauptbahnhofs werfen, welche bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Sie ist durchwegs gekennzeichnet von einer notorischen Unterbemessung der Gleisanlagen, wodurch unzählige Verlegungen, Umbauten, Anbauten, Rückbauten und Erweiterungen erforderlich wurden. Dies halt letztlich zu einer etwas zerklüfteten Struktur mit unverhältnismäßig großer Flächenausdehnung und einer vergleichsweise beträchtlichen Anzahl von Bahngleisen geführt. Im Wesentlichen handelt es sich beim Münchner Hauptbahnhof um 3 (Kopf-) Bahnhöfe, den nördlich gelegenen Starnberger Flügelbahnhof, den südlich gelegenen Holzkirchner Bahnhof, beide deutlich zurückversetzt von der dazwischen liegenden Hauptgleisanlage und Schalterhalle. (Der Reisende aus dem Oberland kann wohl ein Lied davon singen, wie lange das Umsteigen in einen Zug nach Rosenheim oder Salzburg braucht. 15 Minuten? 17 mit Gepäck? Ein Fußgängertunnel zwischen den beiden Flügelbahnhöfen mit Anbindung an den Hauptgleiskörper wäre schon eine verdammt gute Sache gewesen…)

Die grobe Struktur des Bahnhofs war in dieser Form bereits vor dem Zweiten Weltkrieg vorhanden. Der historische Vorgängerbau im Rundbogenstil mit Elementen aus der Romanik und Renaissance stammte in weiten Teilen aus der Zeit von ca. 1880. Der Bahnhof wurde im Zweiten Weltkrieg zwar schwer beschädigt, der Bahnbetrieb konnte jedoch weitestgehend aufrecht erhalten werden. Wie so viele andere durch den Krieg nicht zerstörte, aber beschädigte Gebäude wurde der Bahnhof im Jahr 1949 aufgrund seiner Einsturzgefahr abgerissen. An seiner Stelle wurden im Laufe der 50er Jahre sukzessive die neuen Bahnhofsgebäude bzw. die Gleishalle errichtet.

„Besonders schön ist er ja nicht“, hört man dieser Tage häufig, als es nun ernst wird mit dem Abbruch des Hauptbahnhofs. Was mich an der ganzen Sache traurig macht? Dass man seine Schönheit nicht erkannt hat und ihn so lange verkommen hat lassen. Hier hätte man schon viel, viel früher, und da spreche ich von Jahrzehnten, handeln müssen.

Am grausamsten fand ich den Blick auf die seit Jahren verwahrlost anmutende Fassade beiderseits der Schalterhalle. Aber: A bisserl Wehmut geht immer. Um das weit ausladende Vordach, gerne auch „Schwammerl“ genannt, tut es vielen dann doch leid.

Immerhin konnten das sogenannte Alpenrelief sowie die große Uhr, welche die Fassade der Schalterhalle schmückten, gesichert werden. Die beiden unter Denkmalschutz stehenden Elemente der Künstler Rupprecht und Lenz Geiger wurden bereits im vergangenen Jahr abmontiert und für den Wiedereinbau eingelagert. Das Alpenmosaik haben vermutlich die wenigsten Reisenden wahrgenommen oder gar als abstrahiert-künstlerische Darstellung des Alpenpanoramas interpretiert. In der neuen Halle sollen sowohl die Uhr als auch das Bild einen Platz bekommen und in neuem Glanz erstrahlen.

Schauen wir uns aber die Einzelteile genauer an, denn vom Abriss ist bei weitem nicht der ganze Bahnhof betroffen. Die denkmalgeschützte Gleishalle wird erhalten bleiben. Der Starnberger Flügelbahnhof steht zwar ebenfalls unter Denkmalschutz, fristet aber aufgrund seiner an das NS-Regime erinnernden Architektur ein eher trauriges Dasein und soll nach aktuellem Planungsstand ebenfalls abgebrochen werden.

Die frei werdende Fläche wird nahezu vollständig und – Überraschung – höher als bisher – neu bebaut. Nun frage ich mich: Welche Aufgaben hat ein Bahnhofsgebäude heute zu erfüllen, gerade in einer Stadt wie München, die so unbedeutend nicht ist? Selbstverständlich haben sich die gebäudetypischen Funktionen durch die intensive Nutzung des Smartphones gerade im Verkehrssektor erheblich verschoben. Dies soll nicht unberücksichtigt bleiben. Umso wichtiger scheinen mir im Entwurf für ein Bahnhofsgebäude doch die folgenden Aspekte herausgearbeitet zu werden: Der Bezug zum Ort, seine identitätsstiftende Funktion, sein Wiedererkennungswert, seine Stellung in Bezug auf den Klimaschutz, den aktuellen Zeitgeist, gleichzeitig aber auch seine Zukunftsfähigkeit und nicht zuletzt die Rolle des (Bahn-) Reisenden.

Ich möchte den Entwurf für die neue Empfangshalle des renommierten Architekturbüros Auer + Weber an dieser Stelle gänzlich umkommentiert lassen und schon gar nicht auf die diffizile unterirdische Schnittstelle zum Münchner ÖPNV eingehen, dessen Umbauprojekte ebenfalls bereits in der Pipeline sind. Wir werden uns aber zu gegebenem Zeitpunkt fragen können, ob der Neubau des Bahnhofsgebäudes in Bezug auf die genannten – so finde ich – wirklich wichtigen Punkte gelungen ist.

Zurzeit stelle ich mich aber erst mal für die bevorstehenden mindestens zehn Jahre auf eine Großbaustelle ein. 2028 soll der Neubau fertig sein. Was ich bis dahin machen werde? Vermutlich in München-Pasing in den Zug steigen.

Und PS. Den Fußgängertunnel zwischen den Flügelbahnhöfen wird es – soweit mir bekannt ist – auch nach dem Umbau nicht geben.


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: 1950-1953 (Starnberger Flügelbahnhof und Schalterhalle), 1958 (Holzkirchner Bahnhof), 1958-1960 (Haupthalle)

Architekten: Heinrich Gerbl, Franz Hart

Derzeitige Nutzung (Mai 2019): Abbruch der Schalterhalle, geplanter Neubau Empfangsgebäude mit Fertigstellung 2028

Besucht: sehr oft. Fotos vom 23 / 08 / 2013, 08 / 05 / 2014 und 21 / 04 / 2019

Adresse: Bayerstraße 10A, 80335 München

Weiterführende Links & Quellen:

Wikipedia, München Hauptbahnhof
https://de.wikipedia.org/wiki/München_Hauptbahnhof

Uhr und Alpenmosaik am Hauptbahnof werden abgebaut, 24.10.2018
https://ru.muenchen.de/amp/aktuell/2018-10/uhr-und-alpenmosaik-am-hauptbahnhof-werden-abgebaut.html

Der Hauptbahnhof kommt weg – und entsteht neu, Süddeutsche Zeitung, 07.05.2019
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/hauptbahnhof-muenchen-sperrung-abriss-neubau-informationen-1.4430392

Empfangsgebäude Hauptbahnhof München, Auer Weber Architekten
http://www.auer-weber.de/projekte/details/empfangsgebaeude-hauptbahnhof-muenchen.html

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