Allgemein, Reisezeilen

Vor den Toren Wiens

Oder: Eine Reise durch Europa im Naturpark Föhrenberge.

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Während Wien von der ersten Hitzewelle dieses Jahres heimgesucht oder eher erschlagen wird, finde ich gemeinsam mit einer langjährigen Freundin Zuflucht in den Föhrenbergen hinter Perchtoldsdorf. Keine zehn Kilometer vor der südlichen Wiener Stadtgrenze entfernt, eignet sich dieses bewaldete Idyll bestens, um für ein paar Stunden abzuschalten, dem Alltag zu entfliehen, herunter zu kommen während man hinauf geht, abzuschalten, innezuhalten, durchzuatmen und gleichzeitig eine ganz spannende Reise durch eine äußerst vielseitige (Vegetations- und Kultur-)landschaft zu unternehmen, die einen gefühlt viel weiter trägt als ’nur‘ in den Wiener Speckgürtel.

Unmittelbar nach unserem Start an der Bärenhütte in Gießhübl blicken wir über eine bunte Blumenwiese weit bis zum Schneeberg. Keinen Meter gegangen, fühlt sich dieser Anblick ein wenig verwegen und noch völlig unverdient an, könnte dies doch zweifelsohne ein Werbebild fürs Salzburger Land abgeben. Wir blicken in die andere Richtung und staunen nicht schlecht. Schafe mit Kuhglocken? Was für ein Stilbruch! Wo bitte befinden wir uns eigentlich? Doch in England oder gar in Vorarlberg? Leichte Verwirrung macht sich breit. Auf dem Weg beobachten wir, wie zwei Ameisen einen Kiesel transportieren, anscheinend machen die das immer paarweise. Wir tauchen ein in den Wald und ab in die Natur.

Warum ich ausgerechnet die Föhrenberge für diese Nachmittagswanderung ausgesucht habe? Ganz einfach. Vor einigen Wochen bin ich im Botanischen Garten in München an einer Schwarzkiefer vorbei spaziert und bekam plötzlich Heimweh. Nicht ohne Grund, denn wenn man auf Wikipedia nach Schwarzkiefern sucht, erfährt man schnell, dass diese in den Mittelmeerländern Südeuropas, Kleinasiens, des westlichen Nordafrikas und – man glaubt es kaum, aber ausgerechnet – in Teilen Österreichs vorkommt. Genauer gesagt in den Ausläufern der Ostalpen in Niederösterreich. Während sich also die Touristenmassen an diesem Pfingstsamstag durch die Wiener Innenstadt tummeln, gehe ich im Wienerwald Schwarzföhren schauen.

Die Schwarzföhre, oder auch -kiefer, Minus nigra subsp. nigra, in Wien auch als Parapluie-Baum bezeichnet. Warum? Na weil sie aussieht wie ein Regenschirm. Nix gegen die Gemeine Fichte, die mir insbesondere in den Bayerischen Voralpen eine treue Weggefährtin ist, aber irgendwie haben diese Kiefern durch ihre eigensinnige Beastung mächtig Charakter.

Der Naturpark Föhrenberge, eingebettet zwischen Kaltenleutgeben, Perchtoldsdorf, Mödling, Gumpoldskirchen und Gießhübl (im Uhrzeigersinn) ist eine Erhebung an der Grenze zwischen alpiner und pannonischer Flora am Rande des Wiener Beckens. Er ist durchsetzt von einem dichten Wegenetz, wodurch sich die einzelnen Attraktionen des Parks gut erkunden lassen. Hier finden sich Überreste alter Burgen, wie zum Beispiel die Ruinen der Burg Mödling oder Liechtenstein, mehrere Aussichtspunkte gleichwohl wie bewirtschaftete Schutzhütten, die zu einer gemütlichen Rast einladen.

Wir durchwandern den Naturpark von Süden aus und steuern auf die Kammersteiner Hütte auf einer Höhe von – Zwinkersmiley – beachtlichen 572 m zu. Oben angekommen, stellt sich ziemlich genau der Blick ein, nach dem ich mich so sehr gesehnt habe. Der warme Duft der Kiefernnadeln erinnere sie an Kroatien, bemerkt meine Freundin. Wir atmen den mediterranen Geruch ein und stehen doch gleichzeitig vor einer Alpenvereinshütte. Schwer zu glauben im äußersten Osten Österreichs.

Vom Aussichtsturm genießen wir einen bemerkenswert windigen oder vielmehr stürmischen aber dennoch grandiosen Blick erst durch die Baumkronen (oder Schirme) meiner heißgeliebten Föhren, dann in alle Himmelsrichtungen. Hier tut sich die Vielfalt der Region in allen Farben auf. Die gelb-grünen Felder im flachen Osten Richtung Neusiedler See, weiter noch nach Ungarn und in die Slowakei, der Wiener Ballungsraum und Wienerwald. Richtung Südosten lassen sich die „echten“ Alpen erahnen.

Ach Du mein liebes Niederösterreich! Ich mag das, dieses Bodenständige und Unaufgeregte, das Unspektakuläre aber trotzdem richtig Schöne, das Vielseitige und Altbekannte, das Liebliche und trotzdem nicht Kitschige, das Entspannte und Ruhige, das Bescheidene und unverfälscht Authentische. Hier ist das Gefühl von Daheim sein ganz besonders groß.

Wir laufen weiter zur nächsten Hütte, der Franz-Ferdinand-Hütte, wo wir uns – no na – ein bisserl in die k. u. k.-Zeit zurückversetzt fühlen, aber auch ein bisserl in die Achtziger Jahre. Von hier aus ist der Blick auf die Donau-Metropole noch beeindruckender.

Ein wenig unterhalb von der Hütte liegt versteckt die Ruine Kammerstein. Die Föhren schmiegen sich hier förmlich an und be-schirmen die Mauerreste. Und auf eine der Steinmauern lässt sich sogar gut klettern 😉

Nach einiger Zeit und schon ein gutes Stück weiter unten spuckt uns der Wald ganz unvermittelt aus und vor uns tut sich plötzlich eine beeindruckende Kulisse auf. Weingärten soweit das Auge reicht. Jetzt könnten wir auch irgendwo in Frankreich sein, im Burgund oder so. Sag ich’s doch, auf den Tafeln der Weinstöcke steht ja auch Merlot und Chardonnay.

Es sollen noch so einige Kilometer werden, die wir in der sich langsam senkenden aber immer stärker werdenden Nachmittagssonne zurücklegen. Wir laufen vorbei an einer unendlich putzigen Selbstversorgerhütte. Am Wegesrand erblicke ich meine ersten Mohnblumen in diesem Jahr. Vor über dreißig Jahren haben wir als kleine Mädchen im Garten eines Freundes die geschlossenen Blumen aufgemacht, heute erinnern wir uns gemeinsam daran und schauen nach, ob die kleinen unreifen Blüten immer noch zartrosa und knitterig daher kommen.

Zurück im Wald stoßen wir doch tatsächlich noch auf eine Schlange. Eine Kreuzotter? Der Weg ist insgesamt doch länger als wir beide angenommen hatten, aus dem gemütlichen Nachmittagsspaziergang ist eine recht ordentliche Wanderung geworden. Umso größer ist die Freude als wir an einer Wegkreuzung auf unseren altbekannten Hinweg stoßen und wir unsere Kuhglocken behangenen Freunde wieder treffen, die immer noch völlig unbeeindruckt auf der Wiese grasen. Noch ein letzter Blick Richtung Berge, unsere Gedanken schweifen wieder in den Westen Österreichs ab. Aber dann ist es auch gut und genug für heute.

Rechtschaffen müde kehren wir beim Heurigen Mayer in Perchtoldsdorf für unser wohlverdientes Abendessen ein. Viel gemütlicher und entspannter kann man den Tag wohl kaum ausklingen lassen. Stundenlang sitzen wir unter den Weinlauben und krönen den lauschigen Abend mit einer Portion Marillenpalatschinken, die besser nicht sein könnten.


Weitere Hinweise:

Gründungsjahr des Naturparks: 1974

Gemeinden: Brunn am Gebirge, Gaaden, Gießhübl, Gumpoldskirchen, Kaltenleutgeben, Maria Enzersdorf, Mödling, Perchtoldsdorf, Wienerwald, Hinterbrühl, Guntramsdorf

Besucht: 08 / 06 / 2019

Weiterführende Links & Quellen:

Naturpark Föhrenberge
https://www.naturparke.at/naturparke/niederoesterreich/naturpark-foehrenberge/

Wikipedia, Naturpark Föhrenberge
https://de.wikipedia.org/wiki/Naturpark_Föhrenberge

Kammersteiner Hütte
https://www.kammersteinerhuette.at

Franz Ferdinand Hütte
http://www.franz-ferdinand-huette.at/Franz_Ferdinand/Willkommen.html

Heuriger Mayer, Perchtoldsdorf
http://www.weinbau-mayer.at

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