Allgemein, Reisezeilen

Grasmere. The Lake District Diaries.

Wieviel Faszination und Anziehungskraft kann von einem Ort ausgehen, an dem man noch nie gewesen ist? Bekanntlich reicht bei mir ein einziges Bild aus, um ungeahnte Sehnsüchte auszulösen.

Vorspann.
Der Ruf, der dem Lake District vorauseilte, war ein denkbar lauter. Erstmals untergekommen ist mir der britische Nationalpark in der nordenglischen Grafschaft Cumbria zwischen Manchester und Glasgow mit seinen vielen Seen und den höchsten Erhebungen Englands auf meiner Schottlandreise 2017, als eine englische Reisende begeistert davon erzählte und mir einen Besuch wärmstens ans Herz legte. Ein Jahr später sollte mich nach einer wieder einmal denkwürdigen Bahnfahrt von London nach Brüssel und einer angeregten Unterhaltung über britische Naturschönheiten mein damaliger Sitznachbar vor die Aufgabe stellen, ich möge ihm doch eines Tages eine Email mit folgendem Wortlaut schreiben: „I did it, I went to the heavenly Lake District. It was wonderful.“ Die Sache war für mich klar. Und es sollte nicht allzu lange dauern.

Der Weg dahin war jedoch ein beschwerlicher. Aller Widrigkeiten zum Trotz, die sich bis dahin auftaten – Stichwort Bandscheibenvorfall, Operation und lauter so Zeug, das man nicht braucht – sollte ich mich nicht davon abhalten lassen, diese Reise anzutreten. Im Gegenteil, meine Entschlossen- um nicht zu sagen Sturheit wurde durch jede Hürde nur bestärkt.


Und so steige ich an einem Sonntagnachmittag im Mai 2019 in Grasmere, dem pittoresken 2000-Seelen-Dorf inmitten des Lake Districts aus dem Bus. Jetzt bin ich also da. Umgeben von schiefernen Natursteinhäusern. Es regnet. Alles klar, genau das hier wollte ich. Dennoch überkommt mich ein seltsames Gefühl von Unruhe. First order of Action – in Baldry’s Tearoom etwas Warmes trinken gehen und Scones essen um körperlich wie mental anzukommen.

Gegen Abend wird es trocken. Völlig ungeplant besteige ich noch schnell den Loughrigg Fell, einen sanften Hügel oberhalb des Grasmere und Rydal Water, wo ich nicht nur einen ersten Eindruck der Landschaft sondern auch des starken Windes bekomme. Das Gefühl, auf britischem Boden zu wandern, stellt sich ganz schnell ein. Ich liebe diesen weichen Untergrund, alles um einen herum schimmert in den grünsten Grüntönen. Kein Wunder, ist der Lake District doch die feuchteste Region im ohnehin schon regenreichen England.

Ich übernachte in der Jugendherberge von Grasmere, einem alten viktorianischen Mansion. Ich rechne nach. Dem Jugendherbergsausweis meines Großvaters zufolge muss er vor ca. 75 Jahren hier geschlafen haben. ‚In welchem der Zimmer wohl?‘ frage ich mich, während ich durch die verwinkelten Gänge gehe und die alten Tapetenmuster, hölzernen Türzargen und Stuckdecken bewundere.

Am nächsten Morgen zieht es mich hinauf auf den Helm Crag, einem der kleineren Fells im Lake District, kein Vergleich zu den mir bekannten echten Bergen der Alpen. Das ist ganz gut so, steige ich doch auf einem anderen Level ein. Jetzt Vergleiche aufzustellen wäre kontraproduktiv. Ich stapfe durch den Nieselregen, setze einen Schritt vor den anderen und denke nicht nach. Die höheren Berge sind alle in Nebel eingehüllt. Am Gipfel tun sich die coolsten Felsformationen auf, mich erinnert das hier alles an Schottland.

Dienstag. Der Bilderbuchtag. Ich breche frühmorgens in Grasmere auf und nehme den Bus nach Keswick, dem größten Ort im Lake District. Hier wurde seit dem 16. Jahrhundert Graphit angebaut, woraus sich eine Bleistiftproduktion entwickelte, die sich erstaunlicherweise bis heute gehalten hat. Ich durchstreife die Innenstadt, bin entzückt von den Häuserzeilen mit ihren filigranen Veranden, Erkern, Vorbauten, Schornsteinen und so weiter.

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Am Nordufer des Derwent Water angelangt, setze ich mit dem Schiff auf die andere Seite über, einem guten Ausgangspunkt für Cat Bells. Einsamkeit wird man hier keine finden, gehört diese Wanderung nicht ohne Grund zu den besonders beliebten, aber sei’s drum. Dafür fällt mir wie bereits tags zuvor erneut auf, wie ausnehmend rücksichtsvoll, höflich und zuvorkommend sich britische Wanderer verhalten. Trotz der vielen Leute gibt es kein Gerangel, hier geht es nicht darum, der erste zu sein. Die Stimmung oben ist super, die Aussicht sowieso und je weiter man entlang des Bergrückens geht, desto ruhiger wird es.

Der Blick auf die umgebenden Erhebungen, Täler und Gewässer ist umwerfend. Pretty much exactely what I expected. Ein Gefühl unbeschwerter Fröhlichkeit stellt sich bei mir ein.

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Irgendwann entschließe ich mich zum Abstieg. Unten angekommen laufe ich noch eine ganze Weile am Ufer entlang und schaue einfach nur aufs Wasser.

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Ich verbringe noch ein paar weitere Tage in Keswick, wo ich wieder in der Jugendherberge einquartiert bin. Das Gebäude am Greta River wurde durch die starken Überflutungen 2015 schwer in Mitleidenschaft gezogen und seither aufs Liebevollste renoviert und instand gesetzt. Hier fühle ich mich ganz besonders wohl, sei es wegen des bezaubernden Ausblicks über die Dächer der Stadt bis zu den Bergen aus unserem Zimmer im 3. Obergeschoss, wegen der gemütlichen und gut ausgestatteten Gemeinschaftsküche, dem schönen gekachelten Fußboden im Eingangsbereich, oder womöglich wegen der Mitreisenden, die ich hier antreffe. Ich habe das Vergnügen, eine Familie aus Liverpool kennenzulernen, die hier Generationen übergreifend Urlaub macht. Abends sitzen wir bei einer bzw. mehreren Tassen Tee mit unseren Wanderkarten lange beisammen, tauschen uns über unsere Erlebnisse des Tages, die Vorhaben des nächsten Tages aus und noch viel mehr. Über Komponisten, Barockmusik und unsere Instrumente, den Geigenbauer in Bristol, eine englische Schriftstellerin aus Carlisle, die besten Tearooms der Gegend und die Regenwahrscheinlichkeit am nächsten Tag.

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Speaking of Rain: Die Tage in Keswick sind verregnet, stürmisch und kalt. Ich verbringe einen Nachmittag in einem Antiquariat wo ich auf ein Buch meines Urgroßvaters in der Ausgabe von 1965 stoße, das ich leider nicht kaufen kann, weil es viel zu schwer ist. Ich fühle mich ganz, ganz winzig klein auf dieser Welt aber auch in diesem kurzen Moment der Zeit. Trotz des trüben Wetters bin ich viel draußen. Mutterseelenallein am Wasser, mit Schafen auf der Weide oder anderen hartgesottenen und bewegungshungrigen Naturliebhabern auf dem Latrigg, dem Hausberg von Keswick. Ich laufe über den kleinen Wochenmarkt und bewundere die vielen kleinen Objekte und selbst gemachten Köstlichkeiten, die hier feilgeboten werden. Ich staune über die Dichte der unzähligen Outdoor-Läden. Ich sitze stundenlang im genialen Café Merienda, schlürfe Kaffee und esse Toast mit englischer Orangenmarmelade. Erstmals auf dieser Reise lassen sich meine Gedanken sortieren.

Nach den Tagen in Keswick reise ich zurück in den Süden und mache in Ambleside Halt. Die Jugendherberge, ein etwas in die Jahre gekommenes ehemaliges 5-Sterne-Hotel liegt direkt am Windermere Water. Basisstation für meine Erkundungen um den See, die sich wetterbedingt erneut in Grenzen halten. Ich sehe mir Bowness-on-Windermere an, Beatrix-Potter-und Touristen-Hochburg und flüchte von den vielen Menschen auf den Brant Fell, diesen wunderbaren felsen-durchsetzten Hügel, den ich mir an diesem grauen Nachmittag ganz alleine mit Dutzenden Schafen teile.

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Und habe am vorletzten Tag ein noch ganz besonderes Erlebnis. Um 4.30h morgens bin ich wach, draußen ist es schon hell. Zwei meiner Zimmerkolleginnen schnarchen, als würden zwei Elefanten miteinander sprechen. Meine Ohropax liegen gut im Badezimmerschrank in meiner Wohnung in München. Dass ich wieder einschlafe, kann ich vergessen. Ein kurzer Blick auf die Wetter-App, 12 Grad Celsius, und ab 11.00h den ganzen Tag Regen. Das bedeutet… ich habe noch gut fünf Stunden Zeit. Für Wansfell Pike brauche ich maximal drei. Also? Was lieg’ ich noch rum? Auf! Ab nach draußen! In der Stille des Morgens schleiche ich mich nach einer Tasse Tee hinaus in die frische Luft. Unmittelbar hinter der Jugendherberge fängt der Pfad auf den kleinen Berg an. Ich gehe durch den Wald, über weite Weideflächen, vorbei an Schafen, sehe den See von oben, aber auch den Nebel der sich vom Gipfel an allmählich nach hinunter ausbreitet. Bald werde ich im Nebel eintauchen und nicht mehr zurück sehen können. Ja, ich gebe es zu: Ich bin eine unglaubliche Nebel-Schisserin. Ich gehe weiter. Immer noch überall Schafe. Drehe mich um. Und sehe nichts mehr. Der Nebel wird immer dichter, ich blicke konzentriert hinab auf den Weg und frage mich was denn nun wirklich passieren soll? Solange ich den Weg sehe und ihn mir merke, kann ich immer umdrehen und zurück gehen. Ich bin diese Tour zwar noch nicht gegangen, aber ich habe sie durchs Kartenlesen so verinnerlicht, dass ich weiß, es gibt hier keine ausgesetzten Stellen, die gefährlich werden könnten. Selbst wenn es anfangen sollte zu regnen, wird es kein Gewitter geben. Im Grunde kann also gar nichts passieren. Mit diesem beruhigenden Gedanken lasse ich mich auf die Situation ein und erlebe Außergewöhnliches. Wie in Watte eingebettet ist es mucksmäuschenstill. Die Sicht verändert sich jede Sekunde. Zwischenzeitlich sehe ich nichts. Alles weiß. Ich versuche Konturen aus der Umgebung auszumachen und gehe unbeirrt weiter. Ich erahne eine Wegkreuzung und für einen Moment glaube ich die Orientierung zu verlieren. Ich klettere über eine Trockenmauer. Gehe intuitiv nach rechts. Und über die nächste. Ich atme tief durch, ich muss ganz ganz nah am Gipfel sein. Ich lasse meinen Blick entlang einer Trockenmauer entlang gleiten und plötzlich sehe ich ihn. Ganz leicht aber eindeutig ist der Gipfel zu erkennen.

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Ich renne los, um die Sicht in der nächsten Sekunde nicht wieder zu verlieren, kraxle die letzten Meter nach oben und blicke hinauf auf ein kleines Fleckchen – blauen! – Himmel! Ein schmaler Lichtstrahl hat sich durch die Wolke gebohrt und spendet mir ein winziges bisschen Sonne. Für einen Moment reicht der Lichtstrahl bis hinunter in das Tal wo ich das Dorf Ambleside mit seinem Kirchturm erkennen kann, bis der Lichtstrahl weiterzieht und ich wieder völlig von dichtem Nebel umgeben bin. Und von Schafen. Eingehüllt wie in einem Versteck und dennoch im Freien kann mich hier kein Mensch sehen. Faszinierend.

Beschwingt steige ich den Hauptweg hinab nach Ambleside. Allmählich lichtet sich die Sicht. Kurz vor dem Ort mache ich einen Abstecher zum Wasserfall Stockghyll Force. Ich staune. Selten hat mich ein Wasserfall so sehr beeindruckt.

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Kurz vor neun Uhr morgens gelange ich ins Dorf. Ambleside scheint noch zu schlafen. Ich suche mir ein Café und gönne mir eine ganze Kanne Tee und einen fabelhaften, warmen und sehr zimtigen Bread Pudding. Seelenfutter vom Allerfeinsten. Ich gehe noch ein wenig durch die hübschen Gassen spazieren. Kurz vor 11.00h setzt ein ziemlich gruseliger Regen ein. Zufrieden setze ich mich in den Bus und fahre nach Hause.

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Ich weiß nicht mehr, was ich an diesem Tag noch gemacht habe, außer dass an dem Abend unverhofft die Sonne herauskam. Eine Wohltat nach den letzten verregneten Tagen. Schlagartig sind alle draußen und freuen sich über das Licht und ein bisschen Wärme. Es ist der letzte Abend, den ich hier im Lake District verbringe. Ich fange an, meine Erlebnisse aufzuschreiben. Denke darüber nach, was nach dieser Reise auf mich zukommen wird. Es kam hier alles irgendwie anders als ich es geplant hatte, ja. Aber es war deshalb nicht schlechter. Ich habe vieles nicht gemacht oder nicht machen können, wie ich es vorgehabt hatte, dafür habe ich anderes erlebt. Ein bisschen fühlt es sich so an, als hätte ich nicht eine Reise im Sinne von been-there-done-that unternommen sondern eher die Tür geöffnet zu einer Welt, in der sich ab jetzt noch mehr entdecken lässt. Denn hier gibt es noch so viel.

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Am nächsten Morgen ergattere ich aus meinem großen Erkerfenster einen letzten Blick auf das noch nebelverhangene Wasser. Ich trinke mit meinen Zimmerkolleginnen, zwei älteren Damen noch lange Tee bevor ich aufbreche. Bevor ich von Windermere zurück nach Manchester fahre, gehe ich zum Abschluss noch auf den Aussichtspunkt Orrest Head oberhalb von Windermere. Obwohl es nicht regnet, fühle ich mich vollgesogen wie ein Schwamm. Überall im Wald tropft es von den Bäumen, ich habe das Gefühl alleine vom Geräusch werde ich nass. Ich freue mich auf den Abend im Trockenen bei meiner Gastfamilie in Manchester.

Mein Zug hat eine Stunde Verspätung. Es ist mir egal. Im Moment kann mich nichts aus der Ruhe bringen. Die 18 °C in Manchester fühlen sich an wie Sommer. Ich lasse es mir nicht nehmen, für einen Sprung eine Runde durch das Northern Quarter zu drehen und an Backstein-Feuermauern nach Murals zu jagen, die ich noch nicht gesehen habe.

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Erschöpft, froh und müde schlage ich bei meiner Gastfamilie auf. Nach einer Woche haben wir uns gegenseitig so viel zu erzählen. Seltsam. Irgendwie fühle ich mich hier in Nordengland sehr angekommen und angenommen. Gut dass ich bald wieder da sein werde.

Nachspann.
Als nächstes schreibe ich Barry, meinem englischen Reisebegleiter vom Beginn der Geschichte eine E-Mail mit den Worten: ‚I did it. I went to the heavenly Lake District. It was wonderful.‘


Weitere Hinweise:

Gründungsjahr des Naturparks: 1951

Gemeinden (Auswahl): Windermere, Ambleside, Grasmere, Keswick, Buttermere, Hawkshead, Coniston, Patterdale

Besucht: 25 / 05 – 02 / 06 / 2019

Weiterführende Links & Quellen:

Lake District National Park
https://www.lakedistrict.gov.uk

Lake District Walks
https://www.walklakes.co.uk

Wikipedia, Lake District
https://de.wikipedia.org/wiki/Lake_District

YHA (England & Wales), Places to Stay in the Lake District
https://www.yha.org.uk/places-to-stay/lake-district

Café Merienda, Keswick
http://merienda.co.uk

Baldry’s Grasmere, Tearoom + Cottage
https://baldrysgrasmere.com

Ein Gedanke zu „Grasmere. The Lake District Diaries.“

  1. Was für ein schöner Reisebericht – da bekommt man gleich Lust, los zu fahren!
    Der Lake District steht auch noch auf meiner persönlichen Liste der Orte, die ich sehen möchte. Allerdings dürfte das Übernachten in einer Jugendherberge für mich nicht in Frage kommen… ab einem gewissen Alter (und so… *lach*)… Respekt vor der „Früh-Tour“ im Nebel – das war großes Tennis!

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