Allgemein, Baugeschichten

Vom Jugendstil geküsst

Ein flüchtiger Blick aus dem Fenster. Oha, was war das für ein Haus? Unweit gelegen von der Station Wienerbruck-Josefsberg in Niederösterreich, im Übrigen einem ganz wunderbaren Fleckchen entlang der Mariazellerbahn, die hier eine knapp 360°-Schleife dreht, springt mir ein villenhaftes Dach hinter den Bäumen ins Auge. Ein leerstehendes, altes Hotel an der B20, der Mariazellerstraße, Baujahr 1910 würde ich schätzen.

Es ist eines dieser Gebäude, die mich zum Träumen bringen.

Einerseits von vergangenen Zeiten…

Wenn es bereits im 19. Jahrhundert zu heiß geworden ist in der Stadt, dann ist man im damals auf Sommerfrische gefahren. Prominenter Vertreter dieses Urlaubsgenres war kein geringerer als Johannes Brahms, den es häufiger mal in die Semmering-Region verschlagen hat. Au ja, in der Gegend um den Semmering und die Rax, da stehen auch lauter solche Sommerresidenzen aus dem Fin de Siècle rum. Dieser Villentyp hat etwas Elegantes und dennoch nicht Kitschiges. Typisch ist eine etwas spielerische Fassadengliederung, hier findet man vieles, was das Herz eines nostalgieverliebten Architekten höher schlagen lässt. Fein gearbeitete Holzveranden und -vertäfelungen, Türmchen und Erkerchen, eine filigrane Sprossenteilung an Kastenfenstern mit dünnen Holzprofilen, eine kleinteilige Dachlandschaft mit Dachgauben, aufwändig gestalteten Dachreiter aus Eisen, geschuppte Biberschwanzziegel. Ich glaube, ich fahre mal wieder nach Reichenau an der Rax, um nach solchen Gebäuden zu suchen.

…andererseits davon, das Gebäude zu kaufen (zur Erinnerung, ich träume) und was Schönes draus zu machen.

Letztlich bin ich immer noch Architektin, selbst wenn ich schon eine Weile nichts mehr selbst entwerfe und plane, sondern Gebäude auf die Einhaltung öffentlich-rechtlicher Vorschriften hin prüfe. In dem Haus würde ich mich gerne für ein paar Tage verkriechen, es aufmessen, auf AutoCad zeichnen und eine Planung für eine denkmalgerechte Sanierung machen, ein kleines Brandschutzkonzept dazu schreiben und mir Gedanken über die zukünftige Nutzung machen. Unten ein freundliches Café, wo es Marillenkuchen und Holunderblütensaft gibt, oben meinetwegen wieder ein Hotel. Nicht zu luxuriös, das würde sich in diese wenig affektierte Gegend nicht einfügen.

Beinahe täglich sind wir also während des Großfamilienurlaubs im Ötscherland daran vorbei gefahren. Am letzten Tag bin ich dann doch noch ausgestiegen um schnell nachzusehen, was auf den weißen A4-Zetteln steht, die an den Fenstern hängen (langweilig, Vermessungsmarken) und um ein Foto zu machen. Wie dumm, die Fassade ist voll im Schatten. Selbstverständlich ist das Haus abgeschlossen und ich kann nicht hinein. An einer Gebäudeecke steht in verschnörkelter Schrift auf einem Schild:

Architekt. Rud. Frass. Wien I. 1909

Rudolf Frass. Nie gehört.

Immerhin gibt es einen Wikipedia-Artikel. Der Mann war also Otto Wagner-Schüler. Ein St.Pöltner, der zwar in Wien mit seinem Bruder, einem Bildhauer, sein Atelier hatte, aber vor dem ersten Weltkrieg allerhand Villen in der Gegend gebaut hat. Geboren 1880. Menschenskind, hat der dieses Gebäude doch im zarten Alter von 29 hingestellt. Innerlich verneige ich mich vor diesem Baukünstler, dessen Werk mir bisher weitestgehend unbekannt war, ich aber ab sofort auf dem Schirm haben werde. Nach dem ersten Weltkrieg war er im sozialen Wohnbau in Wien tätig, wo er seinen Stil, eine Verbindung moderner Formen mit Gestaltungselementen des Heimatstils, erfolgreich vertrat.

So, und was macht hier nun der Denkmalschutz? Im vorliegenden Fall nichts. Abends studiere ich die Denkmallisten des Bezirks Lilienfeld und meine Suche über dieses Gebäude bleibt erfolglos, dafür  finde ich heraus, dass ein weiteres Bauwerk des Architekten in Wienerbruck, das Hotel Burger aus dem Jahr 1921 vor fünf  Jahren abgerissen wurde, um einem Parkplatz (!!!) zu weichen. Einem PARKPLATZ. Ebenso wurden seine 1927 errichtetete Tal- und Bergstation der Seilbahn auf die Mariazeller Bürgeralpe, wo wir noch tags zuvor hinauf marschiert sind, im April dieses Jahres abgerissen. Dang! Gerade mal um vier Monate habe ich sie verpasst. Ich atme tief durch, ich will mich nicht aufregen im Urlaub.

„Fremdenzimmer“ mit Übernachtungssymbol wird auf Google Maps für das Gebäude in Wienerbruck immer noch angezeigt. Die Schließung der Beherbergungsstätte kann also nicht allzu lang her sein. Worauf deuten die Vermessungsmarken hin? Auf einen Verkauf? Eine Sanierung? Wir werden sehen.

CO2-Spartipp:
Wenn es noch ein Hotel wäre, dann wäre es DIE perfekte Absteige für ein langes Wochenende im Naturpark Ötscher-Tormäuer. Man erreicht dieses Juwel mit der Bahn mit einmal Umsteigen in St. Pölten in ziemlich genau zweieinhalb Stunden von Wien und kommt dabei noch in den Genuss, mit der inzwischen hochmodernisierten Mariazellerbahn auf ihrer Schmalspurstrecke zu fahren. Vom renovierten Bahnhof Wienerbruck-Josefsberg sind es nur ein paar Schritte, und gleichzeitig hat man die ebenfalls sehr ansprechende Ötscherbasis vor der Haustür, den Eingang in den Naturpark und die Ötschergräben.

Mit den Ötschergräben mache ich übrigens im nächsten Artikel weiter.


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: 1909

Architekt: Rudolf Frass

Derzeitige Nutzung (August 2019): Leerstand, geplante Nutzung unbekannt

Besucht zwischen 06 / 08 und 09 / 08 / 2019

Adresse: Langseitenrotte 47, 3223 Langseitenrotte, Wienerbruck, Österreich

Quellen & Weiterführende Links:

Wikipedia, Rudolf Frass
https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Frass

Rudolf Frass, Architektenlexikon Wien 1777 – 1945
http://www.architektenlexikon.at/de/147.htm

Naturpark Ötscher-Tormäuer
https://www.naturpark-oetscher.at

Mariazellerbahn
https://www.mariazellerbahn.at

Wikipedia, Sommerfrische
https://de.wikipedia.org/wiki/Sommerfrische

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