Allgemein, Reisezeilen

Der Naturpark Ötscher-Tormäuer. Eine Liebeserklärung an Niederösterreich.

„Alle, die Holmes heißen, bitte aufzeigen!“ Ganze dreizehn Hände würden sich jetzt heben, die sich für diese paar Tage im August 2019 in Annaberg zusammengefunden haben. Zuzüglich einer Hundepfote.

Aber wo war ich nochmal stehen geblieben? Ah ja, bei den Ötschergräben. Eine Herzensangelegenheit, die schon ziemlich lange in meinem Hinterkopf geschlummert hat. An alle Nicht-Österreicher: Jetzt erzählt mir bitte nicht, Ihr hättet noch nie von ihnen gehört. DIE Ötschergräben. Die Schlucht, durch die sich der Ötscherbach schlängelt, nicht zu Unrecht auch „Grand Canyon Niederösterreichs“ genannt. 

Zur Orientierung. Der 1970 eingerichtete Naturpark Ötscher-Tormäuer liegt im südwestlichen Niederösterreich, dem Mostviertel. Wir befinden uns hier an den östlichen Ausläufern der nördlichen Kalkalpen. Besonderheit des Parks sind die tief eingeschnittenen Täler mit ihren  Bächen und Wasserfällen. Prägnanter Namensgeber ist der Ötscher, seinesgleichen mit 1893 m zweithöchster Berg Niederösterreichs.

Für die niederösterreichische Landesausstellung ÖTSCHER:REICH wurde 2015 der Naturpark Ötscher-Tormäuer einem behutsamen Facelifting unterzogen und hat dabei ein fabelhaftes Design mit hohem Wiedererkennungswert erhalten. Die Stationen der Mariazellerbahn erstrahlen wieder im frischen Glanz und die historische Schmalspurstrecke wird von ganz schicken, ein wenig futuristisch anmutenden Zuggarnituren befahren. 

Gleich an der Station Wienerbruck-Josefsberg liegt die neu errichtete „Ötscherbasis“, die den Zugang in den Naturpark markiert. Ein ziemlich cooles, modernes und dennoch einfaches Gebäude mit freundlicher Holzverkleidung direkt am Wasser, wo man nach der Wanderung nicht nur schön sitzen sondern sich mit Kaffee und ziemlich gutem Kuchen stärken kann.

Der Weg entlang der Ötschergräben führt oberhalb vom Wasserlauf teilweise über Pfade durch einen lichten Mischwald und über Brücken und Holzstege, ohne jemals den Bezug zum Wasser und Gestein zu verlieren. Es macht Spaß, diesen Weg entlang zu laufen, ist er doch aufregend und zugleich einfach und für jedermann zu begehen. Um eine solche Schlucht erlebbar zu machen, bedarf es natürlich einen gewissen Eingriff in die Natur.

(c) B. Holmes

Und ich frage mich während der Wanderung immer wieder, wie weit der Eingriff gehen darf, ohne der Natur zu schaden. Ich denke, hier ist eine behutsame Erschließung des Geländes gelungen. Wir haben es hier aber definitiv nicht nur mit Kulisse zu tun. Das historische Kraftwerk Wienerbruck inmitten der Gräben erbringt seit über hundert Jahren unbeirrt seine Leistung zur Stromerzeugung. Am Ende unserer Tour sollten wir noch an die beeindruckende Staumauer des Erlaufstausees bei Mitterbach gelangen, von wo aus durch einen 2 km langen Stollen das Wasser zum Kraftwerk geleitet wird.

In ein paar Monaten wird sich der Mischwald in alle möglichen Herbstfarben verwandeln, dann muss es vermutlich noch schöner hier sein. Grund genug, um bald wieder zu kommen.

Wasser und Gestein. Genau in dieser Tonart sollte es weitergehen.

Ich, die nie genug bekommen kann vom Himmel, vom weit Hinunter- und in die Ferne schauen, wäre vermutlich nicht auf die Idee gekommen, am nächsten Tag ausgerechnet einen Wasserfall in einer Klamm zu besuchen. Neugierig bin ich dann aber schon geworden, nachdem die anderen so begeistert davon erzählt haben.

Der Trefflingfall also bei Puchenstuben. Puchenstuben, das ich alleine schon deshalb mag, weil sein Name so hübsch klingt. Es liegt pittoresk auf einem Sattel, wodurch seine Silhouette umso mehr zur Geltung kommt. Ein wenig unterhalb vom Ort liegt der Trefflingfall, ein knapp über 100 m langer Wasserfall. Um die Höhe in einen urbanen Kontext zu stellen: Man stelle sich ein Hochhaus mit 25 Geschossen vor. Die Wiener UNO-City zum Beispiel. Diese Höhe in etwa überwindet der Trefflingfall auf einer Länge von fast 300 Metern.

Tags zuvor sind wir am Ötscherbach noch am Kraftwerk Wienerbruck vorbei gekommen. Als ich nun auf einer der Stahlbrücken stehe und auf das tief unter mir liegende Wasser blicke, während ich akustisch förmlich eingehüllt bin in das laute Rauschen des Wassers, kommt mir ein Wort in den Sinn. WASSER – KRAFT.  Selten ist die Bedeutung eines Wortes so spürbar gewesen wie in diesem Moment. 

Über unzählige Stufen und einen steilen Pfad steigen wir parallel zu den vielen Wasserkaskaden allmählich hinab. Und kommen immer mehr ins Staunen. Hinter eine der Kaskaden kann man sich sogar in eine Höhle stellen und aus nächster Nähe durch den kräftigen Wasserstrahl blicken. Während ich diese Zeilen nun knapp vier Wochen später niederschreibe, höre ich immer noch unsere fröhlichen Stimmen, das erfrischende, laut tosende Wasser und sehe strahlende Augen vor mir. 

Unten angekommen, wartet im Wald das perfekte Jausenplatzerl auf uns, wo wir gefühlt Stunden verbringen und ich gar nicht merke, wie schnell die Zeit vergeht. Wir planschen im kalten, wirklich eiskalten Wasser, balancieren über große Steine, bauen ein Steinmandl aus kleinen Steinen, suchen ganz besonders schöne Steine. Fantastisch. Im Wald spielen – in der Form habe ich sowas das letzte Mal vor wahrscheinlich 30 Jahren gemacht.

Am letzten Tag nehmen wir bzw. einige von uns noch den Ötscher mit. DEN sagenumwobenen Vaterberg, wenn man nach der Herkunft seines Namens geht, und -vollständigkeitshalber obwohl nicht wirklich erwähnenswert, weil so wirklich gar nichts daraus geworden ist – an dessen Fuße ich Schifahren gelernt habe.

Die Besteigung des Berges mit seiner prägnanten Form und bemerkenswerten Dominanz, stellte einen krönender Abschluss unseres gemeinsamen Familienurlaubs dar. Auch der war ziemlich lange auf meiner inneren Liste.

„So geht Sommer“, sagt meine Tante während wir zufrieden oben auf der Gipfelwiese sitzen und weit in alle Richtungen schauen.

Es ist eine Liebeserklärung an das Land Niederösterreich, das sich innerhalb der letzten Jahre zu meinem Lieblingsbundesland in Österreich gemausert hat, wenn es so etwas geben kann. Nein, hier gibt es keine so spektakuläre Bergkulisse wie in Vorarlberg oder Tirol, keine Seenlandschaft wie in Oberösterreich, keine Top-Touristenziele wie Salzburg oder Hallstatt, wenn man vom Stift Melk und Dürnstein in der Wachau während der Marillenblüte und zur Erntezeit absieht. Meinetwegen darf das auch so bleiben. Es muss nicht jeder Ort gehypt werden.

Erlaubt mir noch einen Nachsatz zum Thema Urlaub mit der Großfamilie: Ja. Ich fand’s großartig und würde es sofort wieder machen.


Verwandte Artikel: Vom Jugendstil geküsst


Weitere Hinweise:

Gründungsjahr des Naturparks: 1970

Gemeinden: Gaming, Lackenhof, Puchenstuben, St. Anton an der Jeßnitz, Annaberg, Mitterbach am Erlaufsee.

Besucht: 05 / 08 – 10 / 08 / 2019

Naturpark Ötscher-Tormäuer
https://www.naturpark-oetscher.at

Naturpark Ötscher-Tormäuer, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Naturpark_Ötscher-Tormäuer

Ötschergräben, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Ötscherbach

Kraftwerk Wienerbruck
https://www.evn.at/EVN-Group/Energie-Zukunft/EVN-Fuhrungsangebot/Wienerbruck.aspx

Trefflingfall, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Trefflingfall

Ötscher, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Ötscher

Mostviertel Tourismus
https://www.mostviertel.at

Niederösterreich Werbung
http://www.niederoesterreich.at

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