Allgemein, Anderes

Day to Remember.

Ich war gerade erst nach München gezogen im September 2013 und hatte einige Tage zuvor meine neue Arbeit in einem Münchner Architekturbüro angefangen, als am Morgen meines 33. Geburtstages meine Oma verstarb. Am langen Wochenende um den 3. Oktober hatte ich nach Wien fahren wollen, um sie zu besuchen, aber dafür war es nun zu spät.

Ihre Beerdigung und die gemeinsame Zeit mit der Familie in Wien habe ich trotz des traurigen Anlasses in ausgesprochen warmherziger Erinnerung, auch wenn ich die meiste Zeit mit Fieber und allen erdenklichen HNO-Schmerzen im Bett lag. Beim Gedenkgottesdienst, der so wunderbar und stimmungsvoll gestaltet war, hatte ich im Chor meines Onkels unbedingt mitsingen wollen, wo sie doch selbst so gerne sang. Aber so war ich zum einen nicht rechtzeitig nach Wien gekommen und zum anderen saß ich nun als Zuhörer auf der Kirchenbank. Aus diesen Versäumnissen heraus entstand in der Zeit danach der Wunsch, diesen Tag, der mich von nun an immer mit meiner Oma verbinden sollte, an einem Ort zu verbringen, wo die Erinnerung an sie ganz besonders stark sein würde. Was war also naheliegender, an einem meiner folgenden Geburtstage unseren „Familienberg“, die Serles aufzusuchen? Die Idee zur Oma-Gedenkwanderung war also geboren.

In Maria Waldrast, einem Wallfahrtskloster auf ca. 1600 m oberhalb der Tiroler Ortschaft Matrei am Brenner haben seinerzeit meine Großeltern mit ihren Kindern Urlaub gemacht. Die Besteigung der dominanten Serles, der mit 2.717 m höchsten Erhebung zwischen Wipptal und Stubaital, gehörte wohl und im wahrsten Sinne des Wortes zu den Höhepunkten deren Besuche in den Bergen. Erst vor ein paar Jahren haben wir uns im Rahmen einer Diashow zu Weihnachten die alten Fotos angesehen und ich finde es immer wieder faszinierend, diese kleinen Zeitreisen in die Geschichte und Vergangenheit der Familie zu unternehmen.

Apropos Zeitreise: In den 80er Jahren war ich auch einmal mit von der Partie. Ich erinnere mich noch gut an die frische Buttermilch auf der Ochsenalm und meine allererste Bergtour auf den Blaser, um aber mit auf die Serles zu gehen, war ich noch zu klein. Mit dem Berg hatte ich also ohnehin noch eine Rechnung offen, aber ein Jahr nach dem anderen hat es genau an meinem Geburtstag offenbar nicht sein sollen. Entweder war das Wetter schlecht, es lag schon Schnee, oder es ging aus sonst irgendwelchen anderen Gründen nicht.

Den ganzen Sommer 2018 über aber hatte ich schon so eine Vorahnung, dass es in diesem Jahr klappen könnte, bis zwei Nächte vorher der Schnee in den Bergen kam. Ich war drauf und dran, die ganze Aktion abzublasen, so nah ich dieses Mal auch gekommen war. Aber wie es ist mit den Dingen, die man sich bzw. ich mir in den Kopf gesetzt habe. Wenn es definitiv _keinen_ Plan B zu geben scheint und man es einfach versucht haben muss.

Klirrend kalt war es an dem Morgen des 25. September 2018 als ich fest entschlossen vom Kloster Maria Waldrast aufbreche. Ich erfreue mich an jedem Schritt und Tritt dieser Tour erst durch den Wald und dann auf dem Schotter in absolut besinnlicher Stille und Einsamkeit. Ich sehe von unten die berühmt berüchtigte Nebelwolke genau an dem markanten Gipfelaufbau und glaube ganz fest daran, dass sie sich lichten wird bis ich oben bin. Am Serlesjöchl, wo sich die ersten gigantischen Blicke hinüber zum Stubaier Gletscher auftun, gönne ich mir eine Teepause um meine eingefrorenen Hände an der warmen Tasse zu wärmen.

Ach, und da ist sie also, die berühmte Leiterstufe, von der mir die anderen erzählt haben. Ich bin diese Tour innerlich schon so oft in Gedanken durchgegangen, dass sie mir vorkommt wie eine alte Bekannte. Alles halb so wild, trotz der Schneereste und des Raureifs entlang des Weges. 

Oben auf dem Gipfel – der Nebel hat sich zwischenzeitlich aufgelöst – ist dann zu meiner Überraschung doch was los. Erst lugt noch eine Gams aus nächster Nähe um die Ecke, und schließlich taucht oben noch ein anderer Verrückter auf, der es bei diesen frostigen Verhältnissen hinauf gewagt hat. Ein Tiroler, Peter hieß er glaub ich (ja wie denn sonst auch?). Ich erzähle ihm, was es mit diesem Berg auf sich hat und ganz begeistert erwidert er:
„Boa, des isch gewaltig, des musch feschthaltn! I moch a Foto von dia am Gipflkreuz.“

Ich blicke in alle Richtungen, hinunter auf das Kloster, hinüber nach Innsbruck, und auf der Rückseite zum Habicht, wo sich ebenfalls gerade der Nebel auflöst. In der Tat, der Ausblick ist gewaltig, und noch gewaltiger ist für mich die Vorstellung, dass die meisten aller Holmes-Familienmitglieder zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten genau hier auf diesem Fleckchen Erde oder in diesem Fall eher Gestein oben waren. Schnell stecke ich noch ein paar Steine in meine Hosentasche, für die Verwandten als Erinnerung und wirklich nur einige wenige – nicht dass ich die natürliche Erosion noch zusätzlich beschleunige.

Unten angekommen vergleiche ich, während ich fröhlich und entspannt mit meiner Mama auf der Terrasse des Klostergasthofs in den letzten Sonnenstrahlen einen fabelhaften Marillenkuchen verdrücke, die beiden Gipfelfotos. Fast derselbe Blickwinkel, nur das Gipfelkreuz ist inzwischen durch ein neues ersetzt worden. Zwischen den beiden Aufnahmen liegen ungefähr sechzig Jahre. Ich voll in Funktionskleidung während meine Oma noch im Rock buchstäblich heraufgestiefelt ist. Ich bekomme eine Gänsehaut.

Nichts hatte mir sehnlicher gewünscht, als meinen Geburtstag an diesem einen Ort zu verbringen, der mich tief in die Vergangenheit der Familie eintauchen lässt. Ich habe vier Jahre auf diesen Moment gewartet. Und an diesem 25. September 2018 lief alles nach Drehbuch, und noch besser.

Mission completed und Traum erfüllt. Perfekter geht eigentlich nicht.

Und dieses Jahr? Gehe ich morgen in aller Ruhe wie gewohnt ins Büro, setze mich mit meinen Kollegen bei Kaffee und Apfelstrudel zusammen, höre abends vor dem Schlafengehen noch Bruckners Te Deum und zünde eine Kerze an.
Auf unseren Tag, liebe Oma!


Weitere Hinweise:

Serles, 2717m
Stubaier Alpen, Tirol, Österreich

Besucht: 25 / 09 / 2018

Weiterführende Links & Quellen:

Tourenbeschreibung Seiles von Maria Waldrast, Outdooractive
https://www.outdooractive.com/de/route/bergtour/stubaier-alpen/serles-von-der-maria-waldrast/6503975/

Serles, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Serles

Klostergasthof Maria Waldrast
https://www.mariawaldrast.at

Anton Bruckner: Te Deum
Wiener Singverein und Wiener Philharmoniker unter Herbert von Karajan
https://www.youtube.com/watch?v=PLMukLabTtk

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