Allgemein, Baugeschichten

Frankfurts Bauch.

Eine kleine Warnung vorneweg: Bei aller Liebe zu dem fabelhaften Hallenbauwerk aus den Fünfzigerjahren geht’s hier vornehmlich ums Essen. In allen Geschmacksrichtungen, Schattierungen und Farben.

Es war genau vor 14 Jahren im Januar 2006 als es mich zum ersten Mal in Frankfurts Kleinmarkthalle verschlagen hat. Ich war einige Wochen nach Abschluss meines Studiums mit dem Nachtzug für zwei Vorstellungsgespräche hergekommen, und auf dem Weg zu einem der beiden Architekturbüros bin ich ganz unverhofft in der Kleinmarkthalle gelandet.

Wenn man mit dem Gedanken spielt, in eine andere, neue, einem noch unbekannte Stadt zu ziehen, dann wartet man vielleicht auf den Moment in dem das Gefühl einem ins Ohr flüstert: „Hier kannst du dir vorstellen zu leben.“ Genau so war’s als die ersten Meter dieser Halle hinter mir lagen und ich an einem der vielen farbenfrohen Gemüsestände stehen blieb. Ich blickte hoch auf die Decke, sah mich um und ahnte nicht, dass ich einen Monat später tatsächlich in Frankfurt am Main wohnen würde.

Die ungefähr 100 m lange und knapp 25 m breite Halle wurde 1954 als Stahlskelettbau nach Plänen von Gerhard Weber und Günther Gottwald errichtet. Auf ca. 1.500 Quadratmetern werden an ungefähr 60 Marktständen, die sich über das Erdgeschoss und eine darüberliegende Seitengalerie verteilen, frische regionale Lebensmittel, internationale Spezialitäten, kleine Imbisse sowie Blumen und Sämereien angeboten. Die Halle besticht durch ihre imposante Raumhöhe von bis zu 13 Metern, die großflächige Schrägverglasung an der Nordfassade und ihre elegante Schlichtheit bis ins letzte Detail. Hallenbau der 50er Jahre in Reinkultur. 

Ganz unscheinbar versteckt sie sich inmitten Frankfurts Innenstadt, ein wenig unterhalb des Liebfrauenbergs und abseits der stark frequentierten Achse zwischen Römerberg und Hauptwache.

Frankfurts Innenstadt.
Fast alles, was hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch stand, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Vorgängerbau der Kleinmarkthalle, welcher als Eisenkonstruktion um 1879 nordöstlich des heutigen Standortes errichtet wurde, muss ein eindrucksvoller Bau im Stil der Neorenaissance gewesen sein. Auf über 4.000 Quadratmetern fanden 470 Stände auf zwei Etagen Platz. Die alte Markthalle an der Konstablerwache war die erste in Deutschland mit einer allseitig umlaufenden Galerie. Sie wurde im März 1944 von einer Bombe getroffen und dem Erdboden gleichgemacht.

Es ist ein recht heterogenes und komplexes Konglomerat, aus der sich die heutige Frankfurter Innenstadt baulich zusammensetzt. Ständig in Veränderung und auf der Suche nach Identität. Jedes Jahrzehnt hat seine Handschrift hinterlassen. 1997 wurden Stimmen laut, die den Abriss der in die Jahre gekommenen Halle an der Hasengasse forderten, um an ihrer Stelle ein Areal für ein Kino- und Einkaufszentrum zu errichten. Unvorstellbar aus heutiger Sicht.

Am liebsten bin ich zum Gewürzstand gegangen, wo ich mich regelmäßig eingedeckt habe mit mindestens fünf verschiedenen Salzsorten und mich nicht satt sehen konnte an den Kräutern und Gewürzen, die nicht nur hübsch verpackt sondern auch feinsäuberlich nach Farben sortiert waren. Wenn ich Besuch hatte, habe ich beim Italiener die sagenhaft leckeren handgemachten und saisonal gefüllten Ravioli eingekauft. Ich bin wahnsinnig gerne über eine der beiden Freitreppen auf die Galerie hochgegangen, wo es einerseits ein wenig ruhiger zuging als im Erdgeschoss und von wo aus ich fabelhaft das Markttreiben unten beobachten konnte. Genau an dieser Stelle habe ich so häufig im Alltag die Ruhe gefunden, die mir außerhalb dieser Halle in dieser doch so arbeitsamen und geschäftigen Stadt gefehlt hat.

Ich hab’ hier mächtig was gelernt über gutes Olivenöl, mich über die Jahre durchprobiert an bestimmt zwanzig bis dreißig verschiedenen Sorten und zum ersten Mal in meinem Leben mehr als 20 € für eine Flasche ausgegeben. Sie war jeden Cent und Tropfen wert.

Und ich hab mir erklären lassen, was es mit den Kräutern für die typische Frankfurter Grüne Soße auf sich hat (Rezept siehe unten). Der Gemüsehändler tut gut daran, die Packung vor den Augen seines Kunden nochmal aufzurollen, und ihm die ausgewogene Zusammensetzung der sieben Kräuter aus dem südlichen Frankfurter Stadtteil Oberrad zu präsentieren. Nicht dass hier die seltene Pimpinelle neben der dominanten und im Vergleich günstigen Petersilie untergeht, was letztlich den Geschmack der „Grie Soß“ erheblich beeinträchtigen würde.

Und noch was. Zeit meines Lebens habe ich keinen Kaffee getrunken, und das obwohl ich in Wien studiert habe. In Frankfurt habe ich angefangen mit dem Kaffee, daran waren nicht nur das Büro in dem ich gearbeitet habe und die ortsansässigen Röstereien Wacker und Stern maßgeblich beteiligt, sondern auch der Kaffeeausschank der Frankfurter Kaffeerösterei im hinteren Bereich der Halle. Ich habe mir am Ende bevor ich weggezogen bin voller Wehmut einen ganzen Sack Bohnen gekauft, um ein kleines Stück mitzunehmen aus meiner heißgeliebten Kleinmarkthalle. Und sehr bald mit Bedauern festgestellt, dass sich die Frankfurter Kaffeebohnen mit dem Münchner Wasser nicht so recht vertragen wollten.

Irgendwann kam dann noch der Bäcker Huck dazu, der auch das Café Kante an der Berger Straße im Frankfurter Stadtteil Nordend mit seinen legendären Mürbteigtörtchen beliefert. Damit war für mich die kulinarische Idylle perfekt.

Nur samstags konnte man eigentlich nicht her- und schon gar nicht durchkommen, so groß war der Andrang. Dafür war ich unter der Woche für viele, und damit meine ich wirklich sehr viele, meiner Mittagspausen da. Im Sommer wurde es mitunter gar muckelig warm drinnen, durch die großflächige Glasfront bis zu 50°C. Treibhauseffekt wie aus dem Schulbuch.

Aus diesem Grund, und nicht nur aus diesem Grund wurde schon länger von einer bevorstehenden Sanierung gesprochen. Es waren die üblichen Themen der Hygiene, der Haustechnik und des Brandschutzes, die es über kurz oder lang notwendig machten, die Kleinmarkthalle einer Modernisierung zu unterziehen. Die Stadt Frankfurt lobte einen Architektenwettbewerb für die Sanierung und Erweiterung der Kleinmarkthalle aus, dessen Ergebnis 2008 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Zur Ausführung kam letztlich keiner der Entwürfe. Heute, knapp 12 Jahre später ist’s mir nicht so recht klar, wie es hier nun weitergehen wird. Ich baue auf den Denkmalschutz, unter dem die Halle seit dem Jahr 2000 steht, auf dass man mit der Alten Dame sorgsam und rücksichtsvoll umgeht und die erforderlichen Sanierungsmaßnahmen mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl umsetzen wird.

Es ist eine ziemlich gute Erinnerung an die sieben Jahre, die ich in Frankfurt verbracht habe, und auf der Liste der Dinge und Orte, die ich an Frankfurt vermisse, steht die Kleinmarkthalle ganz weit oben. Kurz nachdem ich für diesen Eintrag tief eingetaucht bin in meine Erinnerungen, rief meine Mama an und fragte, ob wir nächsten Monat für den Geburtstag meiner Nichte nach Frankfurt fahren. Ich bin sofort dabei. Und gehe bestimmt in der KHM einen Kaffee trinken. 


Grüne Soße-Rezept

Zutaten:
1 Pkg. Grüne Soße Kräuter (Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer, Schnittlauch)
1 EL Essig
2 EL Öl
250 g Schmand (od. Saure Sahne/Sauerrahm)
150 g Joghurt
Salz und Pfeffer
4 hart gekochte Eier

Kräuter säubern, waschen und abtropfen lassen. Anschließend sehr fein hacken und in einer Schüssel mit Essig, Öl, Schmand und Joghurt verrühren. Mit Salz und Pfeffer würzen. Die hart gekochten Eier ebenfalls klein hacken od. zerdrücken und unterheben.  Kalt stellen und vor dem Servieren nochmals umrühren.
Tipp: Schmeckt am besten mit gekochten Eiern und Pellkartoffeln.


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: 1953-1954

Architekten: Gerhard Weber und Günther Gottwald

Nutzung: Markthalle

Besucht: sehr sehr oft zwischen 01 / 2006 und 05 / 2018

Adresse: Hasengasse 5-7, 60311 Frankfurt am Main

Quellen und weiterführende Links:

Kleinmarkthalle Frankfurt
https://kleinmarkthalle.de

Flyer zum 60jährigen Jubiläum der Kleinmarkthalle
https://www.kleinmarkthalle.com/assets/template/downloads/_KMH60.pdf

Kleinmarkthalle Frankfurt, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Kleinmarkthalle_Frankfurt

Kulturdenkmäler in Hessen, Eintrag zur Kleinmarkthalle, Hasengasse 7
https://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/objekte/

Sanierung der Kleinmarkthalle verzögert sich, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2016
https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/sanierung-der-kleinmarkthalle-in-frankfurt-verschoben-14395324.html

Frankfurter Kaffeerösterei
https://frankfurter-kaffeeroesterei.de

Huck Bäckerei & Konditorei
https://www.huckgmbh.de

Die Kleinmarkthalle kocht, Nizza Verlag 2007
http://www.nizzaverlag.de/

Ein Gedanke zu „Frankfurts Bauch.“

  1. Danke für diese kleine feine Eloge auf die Kleinmarkthalle! Bei einem kurzen Frankfurtbesuch vor einer Weile habe ich sie auch zufällig entdeckt, dort mittägliche Zuflucht gesucht und mir gedacht: das sind so die Orte, die eine Stadt braucht und die immer weniger werden. – Jetzt weiß ich viel mehr darüber und werde sie beim nächsten Besuch wieder in den Stadtspaziergang einbauen!

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