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Das Café Kante – Sehnsuchtsort in schweren Zeiten

Vor kaum zwei Monaten saß ich nach langer Zeit wieder mal in dem Café, das ich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit als mein absolutes Lieblingscafé bezeichnen würde. Nein. Wir sprechen hier nicht von einem Wiener Kaffeehaus.

Zu meiner Karriere als leidenschaftliche Kaffeetrinkerin muss ich gleich mal vorwegnehmen, dass ich das schwarze Gold nicht wie man meinen möchte in Wien, dem Epizentrum des traditionellen Kaffeehauses für mich entdeckt habe, sondern in Frankfurt. Wie bitte?

Ja, womöglich war es beruflich bedingt, dass ich an einem der vielen endlos langen Arbeitstage zu dem Zeug griff um mich wach und über Wasser zu halten, und es sollte nicht lange dauern, bis sich das (mehrmals) tägliche Kaffeetrinken in meinem Alltag fest etablieren würde. Da kam mir das im Laufe des Jahres 2007 eingeführte Rauchverbot nur recht, als ich neugierig das allseits beliebte Kaffeehaus im Frankfurter Stadtteil Nordend aufsuchte, um dort meiner neuentdeckten Sucht zu frönen.

Unweit des Merianplatzes und der Berger Straße, der Hauptschlagader des Frankfurter Nordends und ziemlich genau zwischen meiner damaligen Wohnung und Arbeitsstätte, befindet sich seit 1995 das Café Kante in einem etwas unscheinbaren gründerzeitlichen Eckgebäude. Roter Sandsteinsockel, meist ein bisschen Graffiti-beschmiert, Eck-Erker in den ersten beiden Obergeschossen, 50-er Jahre Fassade am Eingang, ein kleiner Vorgarten entlang der Kantstraße. Sehr unaufgeregt und dennoch charmant.

Und drinnen: Vorne im Laden gut gefüllte Brotkörbe, eine sagenhafte Kuchenvitrine, große goldene Behältnisse für Kaffeebohnen, eine alte Waage, an der Wand eine metallene Halterung für Tageszeitungen, hinten im Gastraum diagonal verlegte historische quadratische Bodenfliesen, hölzerne Kaffeehausstühle, runde Marmortische, ein großer Wandspiegel, der Tresen, hinter dem von früh bis spät frischer Kaffee zubereitet wird. Serviert wird hier vorzüglicher und charakteristischer Stern-Kaffee der Kaffeerösterei Wissmüller aus Bockenheim. Mit einem Glas Wasser, was in Deutschland nicht selbstverständlich ist. Also doch ein Hauch Wiener Kaffeehauskultur. Kenner munkeln im Viertel, dass man den Kaffee im Kante schon mögen muss. Er ist stark. Vielleicht ein bisschen eigensinnig. Unverwechselbar. Ich mag ihn. Die sensationellen Backwaren werden von der Bäckerei und Konditorei Huck bezogen, welche mittlerweile ja auch in der Kleinmarkthalle einen Stand betreibt.

In der Zeit bevor es das Kante gab, befand sich hier ebenfalls bereits ein Café, nämlich einen Ableger der Frankfurter Traditionsrösterei Wacker, die im Übrigen noch zwei ganz niedliche Lokale in Bornheim Mitte und der Innenstadt betreibt. Nach der Schließung hätte aus dem Café eine Bankfiliale entstehen sollen, wenn sich nicht ein Buchhändler, ein Fernmeldetechniker und ein Schauspieler/Taxifahrer zusammen getan hätten, das Ladenlokal weiterhin als Café zu betreiben. Entstanden ist daraus eine Institution, die für viele weit mehr ist, als nur ein Kaffeehaus. Nahversorger, Kaffeetanke, Kuchenhimmel, Wohnzimmer, tägliche Zeitungsquelle, Wohlfühlort, Sozialer Angelpunkt.

„Ins Kaffeehaus gehen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen“, sagte einst der Wiener Literat Alfred Polgar.
Auch ich bin in meiner damals äußerst beengten Wohnsituation alleine ins Kante gekommen, um eben nicht alleine zu sein. Bemerkenswert fand ich die mir bis dahin noch unbekannte Gewohnheit, sich zu jemandem an einen Tisch zu setzen. Es war mir hier immer eine große Freude, die Vielfalt in diesem Raum zu beobachten. Hier waren immer die unterschiedlichsten Menschen anzutreffen. Manche versteckten sich hinter einem Buch oder einer Zeitung während sie ihren Kaffee schlürften, andere unterhielten sich bei Kaffee und Kuchen oder nahmen ihr Frühstück ein. Jede Tageszeit hatte ihre eigene Stimmung, jede Jahreszeit ihren eigenen Flair.

Wenn ich lange und tief in meiner Erinnerungskiste wühle, kann ich nur staunen darüber, wie viel da herauszuholen ist. So viele überwiegend fröhliche Momente mit den verschiedensten Menschen. Ganz besonders lieb ist mir die Erinnerung an den täglichen Morgenkaffee mit einer Freundin, die in der Heidestraße im Haus gegenüber von mir gewohnt, mit mir im Orchester nicht nur hin und wieder das Pult sondern auch in der Arbeit das Büro geteilt hat. Morgens hatten wir bis auf die üblichen Kandidaten das Café nur für uns, genauso wie wenn wir uns einen Feierabendkaffee gönnten und auch da die bekannten Gesichter sahen. Im Sommer, da saßen wir auch total gerne draußen. Einmal so lange, dass in der Zwischenzeit drei heftige Regenschauer vorüber gezogen sind, während wir unter der Markise munter weiter plauderten.

Oder der Morgen der Hochzeit meines Bruders, da haben meine Mama und ich in aller Herrgottsfrühe Onkel und Tante vom Frankfurter Hauptbahnhof abgeholt und uns im Kante, das glaube ich schon um 7.00h geöffnet hatte, mit einem Kaffee wachgerüttelt. Draußen war es noch stockfinster. 

Einmal habe ich im Nachtzug auf der Fahrt von Kopenhagen nach Frankfurt eine Schwedin kennengelernt, die in Mannheim stundenlang auf ihren Anschluss nach Paris warten hätte müssen. Ich habe sie letztlich dazu überredet, mit mir in Frankfurt auszusteigen, wo wir nach einer erfrischenden Dusche zuhause erst mal im Kante frühstücken gegangen sind. Good memories!

Unvergessen bleibt die immer wiederkehrende und jedesmal von viel Gelächter begleitete Diskussion mit meiner Mama darüber, wo denn der ganze Rhabarber für den ganzjährig erhältlichen Rhabarberstreuselkuchen herkommen mag. Wir vermuten einen riesigen Rhabarber-Kühlbunker unter der Leipziger Straße. Damit haben wir uns so manche Nacht um die Ohren geschlagen.

Dann waren da noch unzählige Alltagsbesuche mit Arbeitskollegen, Freunden, sämtlichen Besuchern aus der Heimat, zum Frühstück oder zur Kaffeejause oder ich war eben auch oft und gerne alleine da. Manchmal habe ich mich sonntags in die Schlange gestellt um mich einfach nur für zuhause einzudecken.

Immer, wenn ich nach Frankfurt komme, gehe ich mit einem Freund und Arbeitskollegen von damals bis heute noch im Kante frühstücken.

Trotz aller Glückseligkeit war das Kante aber auch immer ein Ort kleinerer bis mittelgroßer Dramen, wenn es zu Stoßzeiten wieder mal so rappelvoll war, dass man sich nicht mal mehr an einen Tisch dazu setzen konnte und enttäuscht kehrtmachen musste, oder wenn – ungleich schlimmer – einem das letzte Käsetörtchen aus der Vitrine vom Vordermann weggeschnappt worden ist. 

Zum zwanzigjährigen Jubiläum im Jahr 2015 kam eine kleine Festschrift heraus, die ich mir sofort unter den Nagel gerissen habe. Die Geschichten lesen sich so herzerwärmend und sind mir so vertraut, dass mich eine unbeschreibliche Sehnsucht überkommt, wann immer ich das Büchlein aus dem Regal ziehe. Beim Betrachten der Bilder wird mir bewusst, wie sehr ich die gesamte Ausstattung im Café verinnerlicht habe, jeden Gegenstand, alle Bilder, die Wanduhr, die Leuchten, den Brotkorb, die Zuckerdosen und Salzstreuer, die Bodenfliesen mit ihren Rissen, ja selbst die auf den Fotos abgebildeten Menschen erkenne ich (zum Großteil) wieder. Wie gut, dass das Rezept für die neben den Rhabarberstreuseltörtchen legendären Käsetörtchen abgedruckt ist (Rezept siehe unten, ich hoffe ich darf das hier veröffentlichen). Ein kleiner Trost, mit dem man sich ein Stück Kante in sein eigenes Wohnzimmer holen kann. Besser noch, wenn man vom letzten Besuch ein paar Bohnen des Stern-Kaffees daheim auf Lager hat.

Das Foto – der Tag meines Umzugs von Frankfurt nach München, ein Morgen im August 2013. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich in meinen bald sieben Jahren hier in München keinen vergleichbaren Ort gefunden habe, der auf kleinstem Raum so viel miteinander vereint.

Ein Familientreffen hat mich nun also Mitte Februar 2020 nach Frankfurt verschlagen und auch diesmal stand ein obligatorischer Besuch (genau genommen waren es zwei innerhalb von anderthalb Tagen) im Café Kante an. Als ich selig vor meinem Rhabarberkuchen und der Badewanne an Milchkaffee saß, mich über die unveränderte Belegschaft freute und mit meiner Mama in Erinnerungen schwelgte, kam mir ein – so schien mir – ganz abwegiger Gedanke. Sollten alle Kaffeehäuser der Welt schließen müssen, wäre das Café Kante dasjenige, ohne dem ich mir die Welt am wenigsten vorstellen könnte. 

Einige Wochen später kam Corona. Das, was ich im Traum nicht für möglich gehalten habe, wurde plötzlich Wirklichkeit. Mehr oder minder weltweit mussten Gaststätten zusperren. Soweit ich weiß, geht der Brötchen- und Kaffeebohnenverkauf weiter, der Gastraum bleibt jedoch leer. Der Gedanke daran ist verdammt schmerzhaft und macht mich wahnsinnig traurig. Ich kann nur hoffen, dass alle dort diese Krise gut und gesund überstehen, und dass das Kante, wenn alles mal vorbei ist, erneut mit Leben gefüllt wird und für alle wieder zu dem Ort werden kann, der es bist dahin 25 Jahre lang war.

Ausnahmsweise möchte ich diesen Artikel mal all jenen widmen, die ein Bestandteil sind in meinen Kante-Erinnerungen. Birgit, Brigitte, Christian, Dirk, Emily, Franzi, Johanna, Julie, Mary,  Natascha, Nicholas, Rahel, Regina genauso wie die Inhaber und gesamte Belegschaft dieses wunderbaren Cafés. Alles Gute für Euch. Bleibt gesund. Und macht bitte weiter.

Sollte es einem/r der Genannten nicht recht sein, hier namentlich aufzuscheinen, gebt mir bitte Bescheid. Ich nehm‘ Euch sofort raus.


Das Rezept des Käsetörtchens (von Alexander Huck, aus der Festschrift zum 20-jährigen Jubiläum)

Füllung:
1000 g Quark
0,2 l Ei (Eigelb und Eiweiß), entspricht glaube ich 4 Eiern Größe M
300 g Zucker
100 g Puddingpulver
0,7 l Wasser
etwas Vanille
etwas Zitronenarbrieb

Mürbeteig:
100 g Zucker
200 g kalte Butter
300 g Mehl
1 Ei
Löffelspitze Salz
etwas Vanille

Den Mürbeteig auf ca. 5 mm ausrollen und in einem Backring auslegen. Die Füllung hineingeben und in einem 150 Grad vorgeheizten Backofen ca. 20 bis 25 Minuten backen.


Hinweise:

Eröffnung: 1995

Öffnungszeiten: Derzeit geschlossen aufgrund der Corona-Pandemie. Laden weiterhin geöffnet.

Besucht: unzählige Male zwischen 2006 und 2020, zuletzt am 15 / 02 / 2020

Adresse: Café Kante, Kantstraße 13, 60316 Frankfurt am Main


Quellen und weiterführende Links:

Das Café Kante – Lieblingsplatz im Nordend
Festschrift zum 20-jährigen Jubiläum, Frankfurt am Main, 2015

Café Kante
http://www.cafe-kante.de

Stern-Kaffee, Kaffeerösterei Wissmüller
https://kaffeeroesterei-wissmueller.de

Huck Bäckerei & Konditorei
https://www.huckgmbh.de/

4 Gedanken zu „Das Café Kante – Sehnsuchtsort in schweren Zeiten“

  1. Oh, was für eine Hommage an ein Kaffeehaus!
    Ähnliches könnte ich über einen meiner Wiesbadener Lieblingsorte berichten: das „Kaffeehaus Maldaner 1859“, liebevoll „Maldaner“ genannt.
    Es ist (man möchte unwillkürlich sagen „natürlich“) ein Kaffeehaus im Wiener Stil, und auch nicht irgend eines… An dieser Stelle möchte ich keine Eulen nach Athen tragen… aber dieser Ort ist ebenso wundervoll, wie das, was Du über die „Kante“ schreibst.
    Ich finde es schön, das es solche Orte gibt – mögen sie alle die turbulente und unschöne Zeit des zwangsweisen „Virus-shut-downs“ überstehen!
    Vielen Dank auf jeden Fall fürs Vorstellen dieses Ortes!

    Gefällt 1 Person

      1. Wie klein doch die Welt ist 😉
        Ja, der Wiener Kaffeehaus-Charme dort ist schon einzig; ich schwärme da noch heute – wie schön war es, da im Sommer draußen zu sitzen, egal ob mit Kaffee und Kuchen oder zum Frühstück… 😉

        Gefällt 1 Person

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