Allgemein, Baugeschichten

In Stille staunen.

Sie liegt ein wenig versteckt im Wienerwald, wenn auch gerade mal drei Kilometer von der westlichen Wiener Stadtgrenze entfernt, die Kartause Mauerbach. Vor einiger Zeit habe ich eine innere Liste angelegt von sehenswerten Orten in und um Wien, an denen ich unverständlicherweise noch nie gewesen bin, und nach der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten sowie dem Husarentempel im Naturpark Föhrenberge bei Mödling war nun die Kartause in der kleinen Gemeinde Mauerbach dran.

Es handelt sich hier um eine ehemalige frühbarocke Klosteranlage des Kartäuserordens, der sich ganz dem Schweigen und der Einsamkeit verschrieben hat. Die Geschichte des Klosters geht bis ins 13. Jahrhundert zurück und hat seit der Entstehung bis heute eine äußerst wechselhafte Historie hinter sich. Nachdem die Nutzung als Kloster im 18. Jahrhundert aufgehoben wurde, wurden hier Kranke versorgt, nach 1945 verfiel die Kartause, und in den verlassenen Räumen fanden Obdachlose Unterschlupf. Eher unrühmlich die Tatsache, dass an diesem Ort nach dem Krieg Nazi-Raubgut gebunkert worden ist. Seit 1962 befindet sich die Anlage im Besitz der Republik Österreich, einige Jahre nach dem Erwerb fing die behutsame Restaurierung durch das Bundesdenkmalamt an, deren Restaurierungswerkstätten bis heute hier untergebracht sind und das einen überwiegenden Teil des Klosters als Ausstellungsräume nutzt.

Wenn man sich nun als Besucher frei durch das historische Gemäuer und seine Innenhöfe bewegt, bekommt man drei Geschichten erzählt: die der Klosteranlage selbst, ihrer Sanierung und die des traditionellen Bauhandwerks. Diese drei Schwerpunkte greifen auf eine ganz natürliche und wunderbar aufbereitete Art und Weise ineinander, die das Objekt in seiner Materialität und Historie umso verständlicher machen. Mehr Denkmal geht eigentlich nicht.

Ich beginne meinen Rundgang bei der Entwicklungsgeschichte des Holzfußbodens und tauche ein in die Welt der Holzarten, der unterschiedlichen Oberflächenbehandlungen, von Farben, Verlegearten, -mustern und Intarsien. Aber auch die Räumlichkeiten der Parkettaustellung verdienen größte Aufmerksamkeit. Bei genauerem Hinsehen kann man einige Stellen entdecken, wo an Wänden, Stuckdecken, Gewölben und Türzargen die darunter liegenden Farbschichten freigelegt sind. Man merkt schnell, dass es bei der Restaurierung nicht nur darum ging, den historisch ursprünglichen Zustand möglichst originalgetreu wieder herzustellen, sondern auch darum, Zwischenschritte und spätere Entwicklungen aufzuzeigen, die genauso zur Geschichte des Gebäudekomplexes gehören und daher nicht komplett unsichtbar gemacht werden sollen.

Die behutsame Restaurierung des wertvollen Kulturdenkmals lässt sich an allen Ecken und Enden ablesen, sei es an den Wänden, den Kreuzgangfenstern oder der Einrichtung in den Zellen der damaligen Kartäusermönche. Mein persönliches Lieblingsfeature: die Durchreiche fürs Essen.

Im 500 m langen Kreuzgang wird an die Brüder Schwadron erinnert, einem österreichischen Fliesenunternehmen, deren kunstvoll gemusterte Keramik in unzähligen Wiener Bauten auf Böden und Wänden zum Einsatz gekommen ist und so manches Treppenhaus bis heute schmückt. Schon erstaunlich, wenn man sich vergegenwärtigt, von wie viel Kulturgut wir umgeben sind, und wie wichtig es ist, es für zukünftige Generationen zu erhalten.

Ziemlich fein ist auch der Kreuzgang-Innenhof. Allseitig umgeben vom Baudenkmal, inmitten der wild wachsenden grünen Wiese und in völliger Ruhe lässt sich die Welt außen rum ziemlich gut vergessen. Ich werfe einen Blick in die Überreste der alten Totenkapelle, deren Innenraum mit einer bunten Farbgebung überrascht. 

Spätestens aber im Ausstellungsraum der historischen Fenstersammlung bleibt mir endgültig die Spucke weg. In Stille staune ich über die aufwändig gearbeiteten Fensterprofile und reich verzierten Beschläge und frage mich, in welchen Gebäuden all diese Fenster in so unterschiedlichen Formaten, zum Teil riesig groß, mal eingebaut waren, wie die Fenster ihren Weg hier her gefunden haben und was aus den dazu gehörigen Gebäuden geworden ist. Jedes Fenster könnte eine eigene Geschichte erzählen.

Ich hätte gut und gern den ganzen Tag oder länger noch hier verbringen können, um mir die Fensterdetails noch genauer einzuprägen und ich hätte mir die Sammlung der Natursteine und Dachziegel ebenso gründlich anschauen wollen. Letztlich kaufe ich mir als kleines Erinnerungsstück zumindest noch einen Kartausen-Mauerziegel im Kleinformat, der nun meinen Schreibtisch im Büro zieren wird und hoffe darauf, bald wieder zu kommen.


Weitere Hinweise:

Bauzeit der Anlage: erstmalige Erwähnung 1314, Erweiterung von 1616-1631, Restaurierung ca. 1970, Sanierung seit Mitte der 1980er Jahre 

Architekt/Bauherr: Friedrich der Schöne

Nutzung: Restaurierungswerkstätten des Bundesdenkmalamts Österreich, Weiterbildungszentrum, Ausstellungsräume

Öffnungszeiten: Sa, So + Feiertage: 10.00 – 18.00h, Eintritt 6€ (erm. 4€)

Besucht: 14 / 06 / 2020

Adresse: Kartäuserpl. 1, 3001 Mauerbach, Österreich

Quellen und weiterführende Links:

Kartause Mauerbach, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Kartause_Mauerbach

Informations- und Weiterbildungszentrum Baudenkmalpflege – Kartause Mauerbach, Bundesdenkmalamt
https://bda.gv.at/ueber-uns/fachbereich/baudenkmalpflege-kartause-mauerbach/

Kartause Mauerbach: Vom Kloster zur Hochburg der Restauratoren
https://www.derstandard.at/story/2000001502903/kartause-mauerbach-vom-kloster-zur-hochburg-der-restauratoren

Niederösterreich-Card, Kartause Mauerbach
https://www.niederoesterreich-card.at/a-kartause-mauerbach

Brüder Schwadron, Historische Fliesen, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Brüder_Schwadron

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