Allgemein, Baugeschichten, Reisezeilen

Unterwegs mit den Filmchronisten – Teil I

Ihr erinnert Euch vielleicht an meine Geschichte über das leerstehende Jugendstilhotel in Wienerbruck (Vom Jugendstil geküsst)? Gut.

Kaum ein Jahr später habe ich das Vergnügen, gemeinsam mit den Filmchronisten auf architektonische Spurensuche entlang der Mariazellerbahn zu gehen. Zur Erläuterung: Die Filmchronisten sind ein Team außerordentlich engagierter Leute, die innerhalb von zwei Jahren an die 100 Dokumentionen über die Ötscherregion im südlichen Niederösterreich produzieren. Ein super cooles Projekt, von dem ich sofort ganz begeistert war, als ich gefragt wurde, an dem Beitrag über die Architektur entlang der Mariazellerbahn mitzuwirken. So, nun ist Schreiben eine Sache, vor der Kamera stehen und etwas Schlaues sagen aber eine völlig andere. Ich habe mich jedoch darauf eingelassen und stecke schon mitten drinnen, als wir an einem moderat sommerlichen Montagnachmittag im Juli 2020 bei unserer ersten Station, dem Hallerhof in Puchenstuben, haltmachen. Für mich ein direkter Sprung ins kalte Wasser. Ich muss erst mal finden wonach ich eigentlich suche.

Die gleiche Tafel, mit der sich der Architekt Rudolf Frass bei der hübschen Pension in Wienerbruck an der Fassade verewigt hatte, und die mir den Weg zu dieser Spurensuche überhaupt erst geebnet hat, blinzelt mich förmlich im Gegenlicht an und ermöglicht mir so einen Einstieg. Ich hatte nicht die Gelegenheit, mir Baupläne zu besorgen und diese in Ruhe zu studieren oder eine umfangreiche Recherche über das Gebäude zu betreiben, in dieser Stegreif-Veranstaltung muss das schneller gehen.  Ich stell‘ mich vor die Kamera und sag‘ was, während es gerade anfängt zu tröpfeln.

Das Gebäude, das 1909 ursprünglich als Herberge für Pilger nach Mariazell errichtet wurde, wird heute als Pflegeheim mit einer Gaststätte genutzt und steht seit Mitte der 90er Jahre unter Denkmalschutz.

Wir stürzen uns im Gebäude erst auf einzelne historische Bauteile wie die Innentüren und das schmucke Treppengeländer im Foyer, dann aber gleich auf das Herzstück, den vermutlich in den 20er Jahren eingerichteten Speisesaal, welcher nicht nur wegen seiner stützenfreien Konstruktion, sondern auch der expressionistischen und farbenfrohen Gestaltung beeindruckt. Während die dunkel gehaltenen Sitzmöbel noch sehr klassisch jugendstilig daher kommen und mich ungemein an das Mobiliar Josef Hoffmanns erinnern, so wirken die Wandvertäfelung und nicht zuletzt die grün-weißen eiförmigen Kachelöfen doch äußerst zukunftsweisend, wenn nicht gar futuristisch. Da hat sich der junge aufstrebende Architekt mächtig was einfallen lassen! Und was waren das noch für Zeiten, als die Architekten Gesamtkünstler gleich das ganze Interieur mit entwerfen durften, ausgeklügelt bis ins letzte Detail…

Es geht weiter. Unsere zweite Station ist das Alpenhotel Gösing, gleich unterhalb vom Bahnhof, im übrigen der höchstgelegenen Station entlang der Mariazellerbahn. Vom ursprünglichen Bahnhofsgebäude der drei Schüler Otto Wagners Emil Hoppe, Otto Schönthal und Marcel Kammerer ist bis auf das alte Schild mit Angabe der Seehöhe von 891m.ü.A. wohl nichts mehr übrig, der enge Bezug zwischen Bahnhof und Hotel aber blieb erhalten und auch der Blick vom Bahnhof Richtung Hotel bis hin zum Ötscher ist weiterhin großartig.

‚Hotel Gösing‘ steht hier auf weißen großen Lettern. Es muss wohl entlang der Strecke immer die gleiche Schrifttype an den Bahnhöfen und Hotels zum Einsatz gekommen sein. Markant und rechteckig, hier auf dem Giebel des Hotels in Gösing ist sie noch zu finden. Wegen des großen Höhenunterschieds ist man auf dem Bahnsteig fast auf Augenhöhe mit dem Dachgeschoss des Hotels und bekommt eigentlich erst beim Abstieg einen Eindruck dessen, wie groß die ganze Anlage eigentlich ist. Das ursprüngliche Hauptgebäude des Hotels wurde wohl auch zwischen 1910 und 1920 von Rudolf Frass errichtet und später mehrmals weiter umgebaut, sodass von der originalen Außenhülle und auch in Teilbereichen des Inneren nicht mehr allzu viel vom ursprünglichen Bestand auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Einen solch großen Gebäudekomplex ohne Grundrisse der einzelnen Bauphasen zu erfassen, ist auch für mich nicht ganz einfach. Bei Kaffee und Kuchen – Pardon, genau genommen war es ein vorzüglicher Marillenstrudel – studiere ich einen Stapel alter Ansichtskarten und achte bei unserem Durchgang auf die noch vorhandenen bauzeitlichen Details, den knarzenden Holzboden und das Mobiliar in der Veranda, wo nobel gespeist wird, die alten Holzkastenfenster mit den originalen mundgeblasenen Verglasungen, und gerade im hintersten Gebäude, der sogenannten „Villa“, gerate ich ins Staunen, wieviel originale Bausubstanz hier doch noch erhalten ist. Im Treppenhaus finden wir die alte Holztreppe mit ihrem Geländer, einen fein in die Wand integrierten alten Kasten für den Löschschlauch der Feuerwehr, kassettierte Zimmertüren, Holzbalkone und einen Fassadendekor, dessen Form ein wenig an die Wandvertäfelungen im Puchenstubener Hallerhof erinnert.

Auch hier sind es noch die originalen Holzkastenfenster mit einer damals typischen Sprossenteilung, deren Profile von außen – korrespondierend zur alten Ansichtskarte – einen dunklen Anstrich erhalten haben und auch ursprünglich bestimmt nicht weiß waren. Je länger wir bleiben, desto mehr fällt uns auf; die alten Dachziegeln oberhalb der Mansarde der Villa, der Natursteinsockel an der Fassade, aber wir müssen weiter, die Zeit läuft uns davon. Apropos Zeit. Mehr als eine Reise entlang einer Bahnstrecke ist dies hier eine Zeitreise, und ich stecke tief in den 1910er und 1920er Jahren fest. Ich denke an die Grand Hotels in der Schweiz, in Frankreich, und mir fällt der Film Grand Budapest Hotel ein…

Es wird sich nicht mehr alles ausgehen an diesem Nachmittag, der für mich verläuft wie im Zeitraffer. Wir fahren zu unserer dritten Station – nach Wienerbruck. Der Bahnhof, die Ötscherbasis, Erinnerungen an den Urlaub im vergangenen Jahr, die beeindruckende Schleife, die die Bahn hier dreht, und ein kurzer Blick auf die leerstehende ehemalige Pension Ötscherblick in der Abendsonne, das Gebäude, mit dem alles angefangen hat. Wer hätte gedacht, dass ich ein Jahr später für eine Filmproduktion zurück kommen würde.

Dann zwischendurch nochmal Zugfahren, aus dem Fenster schauen, in den Fahrplänen blättern, wieder hinaus schauen, durch die Bäume und zwischen den Gesteinsfelsen hinüber zum Ötscher. Und die Landschaft auf mich wirken lassen.

Abends gehen mir die Worte aus. Wir sitzen im mobilen Studio der Filmchronisten auf dem Parkplatz in Wienerbruck. Genau, DER Parkplatz, für den das Hotel Burger, das Geschwisterhotel des heutigen Hallerhofs in Puchenstuben, weichen musste. Zu tief bin ich eingetaucht in die vielen Eindrücke, die heute auf mich eingewirkt haben. Ich versuche innerlich die Fäden zu ziehen und weitere Zusammenhänge zu finden, dass ich das große Ganze im Augenblick nicht abrufen kann. 

Dabei ist es eigentlich ganz klar. Was ist nun das Besondere hier?

Einerseits natürlich die Symbiose einer landschaftlich attraktiven historischen Bahnstrecke und der damit einher gehenden baulichen Entwicklung. Darüber hinaus aber sind es die eher unauffälligen alten Gebäude weniger bekannter Architekten, die oftmals über die Region hinaus unbeachtet blieben. Es sind Bauwerke, die in die Jahre gekommen sind, ihre Spuren zeigen und genau deshalb selbst ihre Geschichte erzählen. Häuser, über die man nicht im Reiseführer nachlesen kann und die nicht im Rampenlicht stehen. Aber es sind Objekte, die man selbst entdecken kann. Und das ist etwas ziemlich Besonderes.

Ich will diese Gebäude alle finden und sie erzählen lassen.

Unersättlich und müde mache ich mich auf den Heimweg und fiebere unserem zweiten Dreh entgegen, der in ein paar Wochen folgen wird.


Weitere Hinweise:

Mehr über die Produktion auf der Seite der Filmchronisten:

https://www.original.at/filme/architekturdenkmaeler-entlang-der-bahn/

Architekt Rudolf Frass, 1880 (St. Pölten) – 1934 (Wien). Studium bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste in Wien (1900-1904)

Besuchte Objekte des Architekten am 20 / 07 / 2020

Pflegezentrum Hallerhof, Puchenstuben
Baujahr: 1909, Erweiterung Speisesaal 1922
Nutzung: ursprünglich Hotel/Herberge, heute Pflegezentrum

Adresse: Christian Haller Strasse 2, 3214 Puchenstuben, Österreich

Alpenhotel Gösing
Bauzeit: 1909 – 1912 bzw. 1922, spätere Erweiterungen, Um- und Anbauten
Nutzung: Hotel

Adresse: Gösing an der Mariazellerbahn 4, 3221 Gösing an der Mariazellerbahn, Österreich

Ehem. Pension Ötscherblick, Wienerbruck
Baujahr: 1909
Architekt: Rudolf Frass

Adresse: Langseitenrotte 47, 3223 Langseitenrotte, Österreich


Quellen und weiterführende Links:

Die Filmchronisten
https://www.original.at

Leaderregion Mostviertel Mitte
https://www.mostviertel-mitte.at/de

Rudolf Frass, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Frass

Alpenhotel Gösing
http://www.goesing.at

Mariazellerbahn, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Mariazellerbahn

Mariazellerbahn
https://www.mariazellerbahn.at/fahrplan-mzb

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