Allgemein, Baugeschichten

Unterwegs mit den Filmchronisten – Teil II

Jetzt waren wir also nochmal da. Wir hätten beim ersten Dreh vor einigen Wochen die Aufnahme fertig machen können, hätten uns aber auf das Äußere der ehemaligen Pension Ötscherblick beschränken müssen. Gleichzeitig hatten uns freundlicherweise die neuen Eigentümer des Rudolf-Frass-Baus in Aussicht gestellt, uns in das Haus zu lassen, wenn wir vorbei kommen würden.

Zu groß war also meine Neugier, und zu groß die Versuchung, das Gebäude im aktuellen Ist-Zustand vor dem Umbau von Innen zu sehen. So sehr hatte ich mich vor einem Jahr in seine Fassade verliebt, dass ich unbedingt wissen wollte, was sich dahinter verbergen würde. Also finden wir uns in dezimierter Mannschaft – Kameramann und ich – an einem sonnigen Tag im August an bekanntem Ort ein und fangen nach einer überaus netten Besichtigungstour mit den neuen Eigentümern durch das Gebäude draußen an; abermals mit der Plakette des Architekten, welche wir auch an der Fassade des Hallerhofs in Puchenstuben entdeckt hatten. Die Fassade lässt darauf schließen, dass sich im Erdgeschoss einmal ein Laden befand, den es wohl seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. Kein klassisches Hotel also, sondern Pension mit Laden und angeblich sogar einer Tankstelle (!), wie uns der neue Eigentümer berichtet.

Das Innere wartet mit allerhand Überraschungen auf, insbesondere der technisch- mechanischen Ausstattung. Mit aller Kraft kurble ich den Rolladen eines großflächigen Fensterelements hinauf, andernorts steht eine alte Bügelmaschine herum, die nur darauf wartet, wieder benutzt zu werden.

Technisches Highlight: Der Lastenaufzug des ehemaligen Geschäfts mit einer Tragfähigkeit von 600kg, mit dem man vermutlich Waren zwischen den Lagerräumen im Keller und dem Laden transportiert hat, ist ebenfalls noch vorhanden. Dass er immer noch funktionsfähig ist, beeindruckt uns zutiefst. Der leere Raum im Erdgeschoss zeichnet sich durch eine ungemeine Klarheit aus. Boden, Wand, Decke in Reinform. Er lädt einen sofort dazu ein, ihn spontan in Gedanken zu bespielen.

Ich stelle mir vor, wie sich hier ein freundlich-helles Café einrichten ließe, unter Beibehaltung des alten Dielenbodens und der sichtbaren Stahlbeton-Rippendecke. Zwischen kleinen, runden Kaffeehaustischen schlängelt man sich zu einer gut bestückten Kuchenvitrine, und selbstverständlich zaubert der Lastenaufzug regelmäßig allerhand Leckereien aus der Küche herauf. Im tiefen Schaufenster, das noch so gut erhalten, würden Kaffeespezialitäten und Porzellan zur Schau gestellt werden, dazwischen ein paar Schwarzweiß-Fotos. Das große Fenster um die Ecke würde zu einer aufgeständerten Terrasse draußen führen, von wo aus man in den Garten und mit etwas Glück hinüber zum Ötscher blickt…

Bemerkenswert sind die über das Gebäude verteilten individuellen Kachelöfen. Jedem Zimmer sein eigenes Design. Der mit den grünen Kacheln und gelben Punkten hat es mir ganz besonders angetan. Die perfekte Superfliese.

Wir sehen uns die Zimmer der ehemaligen Pension in den Obergeschossen an, auch hier finden wir wieder die eine oder andere Erkersituation, Markenzeichen unseres Architekten. 

Wie wir es auch schon in Puchenstuben und Gösing gemacht haben, setzen wir unsere Spurensuche bis in den letzten Winkel fort. Alles was alt ist, bauzeitlich, eine Geschichte erzählt, weckt unser Interesse. Da finden wir oben im Dachboden ein kleines Depot an alten Wienerberger-Dachziegeln sowie ein Schild „Zum Kaufmann“ welches einst für die Ferienwohnungen und Zimmer warb.

Wir gehen nochmal nach draußen und drehen eine Runde ums Gebäude, sehen uns die biberschwanzgedeckten Dachflächen und die Dachaufbauten an, die Holzverkleidung in Dachgeschossebene mit den filigranen Schnitzereien am Dachüberstand, die originale Putzstruktur und Oberflächen der Außenwand, die verschiedenen Fenstertypen, einige von ihnen alte Holzkastenfenster, das Schmuckrelief am Eingang. Und auch hier: Je länger wir suchen, desto mehr lässt sich entdecken…

Es hat sich so gelohnt, extra aus München anzureisen für diese Gelegenheit. Nach dem Dreh setzen wir uns auf die Terrasse der Ötscherbasis an den Wienerbrucker Stausee, und ich verschlinge mehr oder weniger verdient, aber zumindest überaus erleichtert eine grenzgeniale Topfengolatsche. Ich weiß nicht, ob ich mich schlussendlich trauen werde, mir den fertiggestellten Film anzuschauen, aber es hat mir eine große Freude bereitet, an dem Projekt der Filmchronisten mitzuwirken.

Sollten die neuen Eigentümer einen Teil des Hauses wieder seiner ursprünglichen Nutzung zurück führen, werde ich bestimmt irgendwann zurück kommen um zu übernachten in einem mir womöglich nicht ganz so „fremden Zimmer“ 😉


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: 1909

Architekt: Rudolf Frass

Derzeitige Nutzung: Privatbesitz

Besucht am 08 / 08 / 2020

Adresse: Langseitenrotte 47, 3223 Langseitenrotte, Österreich


Quellen und weiterführende Links:

Die Filmchronisten
https://www.original.at

Leaderregion Mostviertel Mitte
https://www.mostviertel-mitte.at/de

Rudolf Frass, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Frass

Mariazellerbahn, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Mariazellerbahn

Mariazellerbahn
https://www.mariazellerbahn.at/fahrplan-mzb

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