Allgemein, Baugeschichten

Der Lo(c)k-schuppen.

Jedes Mal, wenn ein Gebäude Gefahr läuft, abgerissen zu werden oder droht, von selbst in sich zusammen zu fallen, beschleicht mich ein leichtes bis mittelschweres Gefühl von Panik. Schlimm genug. Aber im Fall vom Lokschuppen in Bamberg musste ich heulen. Ja, so richtig. Passiert ist es mir als ich meine Fotos der letzten Gebäudereste sortiert habe, zwei Tage nachdem ich dort war. Ein einziges Mal habe ich bisher wegen eines Bauwerks geweint, nämlich als ich am Ufer des Firth of Forth in South Queensberry nahe Edinburgh die gewaltige, im Jahr 1890 errichtete Forth Bridge erblickte (hier nachzulesen). Damals war es aus Respekt und Ergriffenheit vor der beeindruckenden Ingenieurbaukunst, diesmal ist es aus Unerträglichkeit wegen eines wohl unvermeidbaren bevorstehenden Verlusts. Ich würde dieses Gebäude, oder vielmehr seine noch vorhandenen Überreste, so gerne retten. Aber davon kann ich leider nur träumen.

In meiner noch jungen Laufbahn beim Denkmalschutz habe ich schon einen Haufen Bauteile auf dem Gewissen, die trotz größtem Einsatz und immenser Kampfeslust nicht mehr zu retten waren. Häufig sind es Fenster, die schon ziemlich hinüber sind, mal eine Hauseingangstür, die den Einbruchschutz nicht gewährleisten kann, darüber hinaus morsche Holzbalken, ein hinab bröckelnder Außenputz usw. Ich könnte regelrecht einen Friedhof für all die verlorenen Bauteile anlegen bis ich ein ganzes – wenn auch schiefes, wackeliges, undichtes und sehr sonderbar aussehendes – Gebilde einer Behausung beisammen hätte.

Dem gegenüber steht zwar eine bescheidene Trophäensammlung einiger Objekte, die ich mit viel Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit sichern konnte, eine alte Klotür und zwei Garagentore aus den 20er Jahren, die Holzverkleidung eines Treppenraums und das eine oder andere Holzkastenfenster. Das sind nur Tropfen auf den heißen Stein wenn ich mir vergegenwärtige, wieviel Substanz hierzulande – und nicht nur hierzulande – tagtäglich verloren geht, und zwar im ganz großen Stile.

Irrglauben Nummer 1: Ziemlich lange und einigermaßen naiv dachte ich, dass Denkmalschutz auf ein Gebäude sowas wie einen Freifahrtschein für die Existenz bis in die Ewigkeit bedeutet. Weit gefehlt. Da braucht es keine Kriegszerstörungen, wir machen vieles an historischer Bausubstanz durch fehlende Wertschätzung, Profitgier, nicht vorhandenes Architekturverständnis und gnadenlose Vernachlässigung schon selbst kaputt.

Welches ist nun das Gebäude, das mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht und mich vor das schier unlösbare Rätsel stellt, ob es nicht doch irgendeine Möglichkeit für seine Rettung gibt? In der Nähe des Bamberger Hauptbahnhofs und etwas nördlich von der ebenfalls schwer beeindruckenden alten Malzfabrik, die ich mir bei Gelegenheit unbedingt auch noch genauer ansehen werde, befindet sich das Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks mit seinen zwei halbkreisförmigen Lokschuppen. 

Bamberg, das hübsche UNESCO-Weltkulturstädchen in Oberfranken, ein kleines Juwel an der ICE-Strecke zwischen München und Berlin. Das industrielle Erbe der alten Kaiser- und Bischofsstadt ist für die UNESCO offenbar weniger interessant, liegt ihr Hauptaugenmerk doch auf der hervorragend erhaltenen Altstadt und ihrer mittelalterlichen Stadtstrukturen.

Aufgrund seiner Bedeutung als Eisenbahnknotenpunkt an der Strecke Nürnberg – Bamberg bot sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die Errichtung und Erweiterung des Betriebsgeländes im Norden des Bahnhofs an, wo neben anderen Betriebsgebäuden in den Jahren 1901 und 1906 die beiden Rundlokschuppen mit ihren Drehscheiben errichtet wurden. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Betrieb allmählich heruntergefahren welcher letztlich zum fast vollständigen Rückbau der Gleisanlagen führte. Es ist ein ziemliches Trauerspiel, was hinsichtlich der Eigentümerverhältnisse seit der Stilllegung stattgefunden hat und damit schreitet der Verfall der beiden denkmalgeschützten Hallen unkontrolliert voran.

Nur eines der beiden Gebäude kann heute noch als solches bezeichnet werden, wenngleich das Dachtragwerk in weiten Teilen bereits einzustürzen droht und die Fensterscheiben der Industrieverglasung zu einem Großteil eingeschlagen sind. Hier bietet sich einem doch ein ziemlich düsteres und verwüstetes Bild.

Also doch lieber außen rum, bis von vorne noch ein Hauch von Ursprünglichkeit zu erahnen ist. Ein paar alte Gleise liegen hier rum und führen zu den großen Einfahrtstoren, welche hinter dem wilden Gestrüpp und im Gegenlicht verschwinden.

Ein paar Meter weiter ist der Verfall schon deutlich weiter fortgeschritten.

Der andere der beiden Rundlokschuppen erinnert aufgrund seiner nicht mehr vorhandenen Überdachung und fehlenden Tore schon mehr an das Kolosseum in eingeschossiger Ausführung. Und auch die Drehscheibe im Zentrum des Halbkreises befindet sich in einem ausgesprochen desaströsen Zustand, wirkt auf mich durch den grün lackierten kleinen Wagen gleichzeitig aber auch irgendwie niedlich.

Die Natur hatte hier anscheinend schon eine Weile Zeit sich auszubreiten, dass sich die Anlage auch gut als renaturierter Landschaftspark machen würde. Berlin, Duisburg, München Baumkirchen-Mitte. Warum nicht hier auch? An der Kulisse würde es hier nicht scheitern. In einer Ecke zum Seitenflügel hin steht eine alte Lok, und es lohnt ein bisschen genauer in alle Richtungen hinzusehen. Da sind noch die Bänder der ehemaligen Zufahrtstore an den Pfeilern, die Konstruktion der Torbögen, ein paar Regenrohe, der Abdruck abmontierter Verstrebungen an der hinteren Außenwand…

Ich bin eigentlich nicht so der Lost Places-Typ, wie man ihn sich per Definition ausmalt. Nicht vermummt im Kapuzenpulli und mit Graffiti-Sprühdosen im Rucksack unterwegs 😉 Bei diesen alten Mauerresten werde ich aber zum Raubtier, einerseits weil ich diese besonderen Räume physisch erfahren möchte und meine Augen sich daran nicht satt sehen können, andererseits aber auch weil mir schmerzlich bewußt ist, dass jede dieser Erfahrungen nur eine flüchtige Momentaufnahme ist, diese Plätze ein Ablaufdatum haben und in ihrem derzeitigen Zustand, der eine so unbegreifliche Atmosphäre schafft, so nicht verharren werden können. Erkenntnis: Letztlich sind Gebäude genauso vergänglich wie wir Menschen. 

Was wird denn in zwei-, dreihundert Jahren von diesen wirklich außergewöhnlichen Bauwerken denn überhaupt noch da sein, wenn jeden Tag der Bestand unaufhörlich weiter schwindet und – grob gesagt – nix gescheites nachkommt?
So stehe ich ohnmächtig in diesem unwirklichen Zwischenraum, den die halbkreisförmige Außenmauer und die inneren Torbögen aufspannen und von den noch verbliebenen Seitenflügeln seitlich begrenzt wird. Durch die großen Fenster leuchtet die untergehende Sonne und strahlt mit ihrer letzten Kraft auf Beton und Mauerziegel.  Viel transparenter aber auch verwundbarer kann das Skelett des Lokschuppen II von 1906 nicht sein.

Wahrscheinlich ist es zu spät und der Zug ist im wahrsten Sinne des Wortes innerhalb der letzten 40 bis 50 Jahre abgefahren. Wenn hier noch lange genug nichts passiert, wird der Lokschuppen von selbst noch irgendwann zum Bodendenkmal.

Weitere Hinweise:

Bauzeit: 1901 und 1906

Derzeitige Nutzung: Leerstand

Besucht: 02 / 2021

Adresse: Gundelsheimer Str. 18, 96052 Bamberg


Quellen und weiterführende Links:

Bahnbetriebswerk Bamberg, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnbetriebswerk_Bamberg

Listeneintrag Bayerischer Denkmalatlas, Bahnbetriebswerk Bamberg D-4-61-000-856
https://geoportal.bayern.de/denkmalatlas/searchResult.html?objtyp=bau&koid=108060

Ein Gedanke zu „Der Lo(c)k-schuppen.“

  1. Oh, wie mir dieser Beitrag aus der Seele spricht!
    Bei meinen unzähligen Touren habe ich oft genug kopfschüttelnd da gestanden, fassungslos wegen der Geringschätzung, die vielen Gebäuden entgegen gebracht wird.
    Wie viele heutige lost places stehen unter Denkmalschutz? Unzählige… alle diese wunderschönen großen und kleinen Gebäude gehören doch zu unserer kulturellen Identität, machen unsere Städte unverwechselbar, erzählen eine Geschichte, sind ein Teil der Geschichte und oft sind sie nur noch Geschichte.
    Das Schreiben über all diese Orte verstehe ich als persönliches Plädoyier für Denkmalschutz – auch für den Schutz der Gebäude, die Bestandteil unserer Identität sind und nicht einmal unter Denkmalschutz stehen. Ich finde es immer ganz schrecklich, wenn durch Nichtstun die Gebäude langsam aber sicher von selber verschwinden, dann ist selbst der Denkmalschutz nur noch Makulatur. Ich bin mir sicher, das jeder einige Beispiele kennt, in dem der Denkmalschutz dem Mammon geopfert wurde. Dies empfinde ich als skandalös. Ändern kann ich das leider nicht – alles was ich kann, ist,an diese Orte und ihrer Geschichte mit meinen Bildern und meinen Beiträgen zu erinnern, und sie zumindest so am Leben zu erhalten – auch wenn es nur virtuell ist.
    Auch und gerade Bahnanlagen, die eine wundervolle Geschichte vom technischen Fortschritt erzählen, vom Aufschwung ganzer Regionen und von deren Niedergang mit dem Verschwinden der Bahn. Wir haben nur verlernt, hinzuhören.
    Vielen Dank auf jeden Fall für diesen wundervollen Beitrag!

    Gefällt 1 Person

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