Allgemein, Baugeschichten, Reisezeilen

Kontrollierte Verwahrlosung

Meine Schwäche für Lost Places mag sich durchgesprochen haben. Im Wesentlichen falle ich ja immer in dasselbe Muster das folgendermaßen aussieht:

  1. Suche nach vernachlässigten, leerstehenden alten Gebäuden (oft Zufall).
  2. Ihrer Geschichte auf die Spur gehen.
  3. Nach Möglichkeit vor Ort gehen / fahren.
  4. Panisches Festhalten am Moment, in dem sich das Objekt gerade befindet.
  5. Möglichst detailliertes Erfassen durch langes Betrachten.
  6. Fotografieren. Von allen Seiten.
  7. Drang, den Zustand zu dokumentieren.
  8. Große Wehmut.

Ja. Ich führe meine innere Liste von diversen Lost Places, die ich niemals schaffen werde, abzuarbeiten, denn es werden ständig mehr und es ist ein dauerhafter Wettlauf gegen die Zeit. Besonders frustrierend, wenn ich von ihnen erfahre, nachdem sie nicht mehr zugänglich, bereits verschwunden oder unverkennbar luxussaniert worden sind.

Gleichzeitig ist da immer auch die Frage ob der Aufwand lohnt, einen dieser Orte aufzusuchen, wenn man letztlich nie wirklich wissen kann, ob man gut ran-/reinkommt ohne sich gleich strafbar zu machen oder sich in Lebensgefahr zu begeben. 

Also möchte ich an dieser Stelle einen ‚lost place‘ vorstellen, der völlig legal besichtigt werden kann. Wo man keine Sorge haben muss, sich am Bauzaun frustriert umzudrehen, sich im Schutt unabsichtlich einen rostigen Nagel oder sonst was einzutreten, von einem Deckenbalken erschlagen, einem misstrauischen Anwohner beschimpft, auf Überwachungskameras gefilmt zu werden, nicht über oder durch irgendein Hindernis klettern zu müssen sondern zivilisiert und gesittet auf angelegten Wegen durch einen Park spazieren kann.

Voilá – Schloss Pottendorf.

Pottendorf, der namensgebende Ort für die ‚Pottendorfer Linie‘ (S60) zwischen Wien und Wiener Neustadt. Tiefstes Industrieviertel Niederösterreichs. In meiner Kindheit und Teenagerzeit kannte ich Pottendorf nur als Schild einer Autobahnausfahrt oder eben der Bahnlinie, die mich in Ebenfurth auf dem Schulweg nach Wiener Neustadt einsammelte. Richtig dort war ich natürlich nie.

Es ist ein eher unrühmliches Bild, das sich einem auf dem Weg zwischen dem Bahnhof und dem Schlosspark bietet. Vom ehemals florierenden Industriestandort ist zwar kaum mehr etwas spür- aber zumindest noch ein wenig sichtbar.

Als hätten sich die Engländer im 19. Jahrhundert hier niedergelassen um eine Spinnerei zu errichten. Und genau so war’s wie ich später nachlesen kann. Wasser wurde von der Leitha abgezwackt, und in der Textilindustrie fachkundige Arbeiter gab es in der Umgebung ebenfalls schon. Während die Alte Spinnerei, soweit von außen beurteilbar, ganz anständig saniert worden ist und als Verwaltungsgebäude der Gemeinde dient, wirken die frühen Arbeitersiedlungen aus den 1860er Jahren etwas heruntergekommen.

Die Hauptstraße der Ortschaft ist ausgestorben, bis auf den Durchzugsverkehr, und an Tristesse kaum zu überbieten. Man könnte denken, dahinter kommt gar nichts mehr, aber plötzlich steht man am Eingang zum Schlosspark und erspäht durch die Baumstämme die Überreste des Schlosses Pottendorf.

Es handelt sich um ein dreigeschossiges Wasserschloss, dessen Geschichte bis in die Romanik des 12. Jahrhunderts zurückgeht. Einer gotischen und barocken Überformung unterzogen besteht es heute im Wesentlichen aus einem quadratischen Hauptbau, in welchen zwei Ecktürme und ein Torturm integriert sind sowie einer spätgotischen Schlosskapelle. Interessanterweise befand sich das Schloss über eine lange Zeit im Besitz der Familie Esterhazy, wie man am Wappen über dem Rundbogenportal erkennen kann. Eisenstadt lässt grüßen. 

Dem Besucher bleibt es leider verwehrt, die Insel zu betreten, auf der das Schloss steht, was bestimmt auch eine spannende Angelegenheit wäre (…), dennoch besteht die Möglichkeit, die heutige Ruine komplett zu umrunden und somit von allen Seiten zu betrachten.

Da blickt man durch die Fensteröffnungen, in denen manchmal noch ein Rahmen mit Kämpferprofil und Oberlichtsprosse hängt, und sieht im Inneren des Gebäudes ein paar Fragmente hervorblitzen – mal einen Rundbogen, mal einen Fetzen Mauerwerk, aber auch ganz viel Vegetation. Das Dachgesims löst sich auf und am oberen Dachrand hängen ein paar Tauben ab. Die noch vorhandenen Dachziegel könnten jeden Moment der Reihe nach hinunterfallen. Der sich über alle Geschosse ziehende Riss am Eckflügel tut richtig weh, und dennoch kann ich nicht aufhören, die Fassade abzuscannen und anzuschauen, weil ich sie so schön finde. 

An der Rückseite ist die symmetrische fünfteilige Fassadengliederung noch gut abzulesen, und man denkt sich schnell die Balkonbrüstungen sowie die darüberliegende Markise dazu, genauso wie den ehemaligen Torturm und die Betonung der Mittelachse.

Auf der anderen Seite befindet sich die Kapelle, die heute den mit Abstand fittesten Eindruck macht, wurde sie erst kürzlich saniert. Ansonsten ist das Schloss seit Ende des Zweiten Weltkriegs sukzessive verfallen, scheint wohl eine verzwickte Besitztümer-Geschichte zu sein. 

Jetzt hat die Gemeinde Pottendorf das denkmalgeschützte Schloss 2006 gekauft und es erst mal dem Verfall überlassen, während der umliegende Park – Natur- und Baudenkmal – behutsam revitalisiert worden ist. Ein Wort zum Park: Traumhaft. Wie sich die Fischa da hinten wild durchs Baumgeäst schlängelt, würde man in dieser landschaftlich nicht wirklich spannenden Gegend niemals vermuten. Es lässt sich jedenfalls wunderbar und im Frühlingsgrün sowieso eine feine Runde durch den bewaldeten Park spazieren bis man wieder vorne am Schloss herauskommt.

Was mit dem Schloss langfristig passieren wird, ist derzeit noch unklar. So beeindruckend es ist, die ganzen Mauerreste von allen Seiten anzuschauen, wird das nicht ewig so weiter gehen können. Irgendwann werden die Mauern zusammenkrachen. Für eine Sanierung ist es vermutlich zu spät, ich kann mir kaum vorstellen, dass diese schon so stark beschädigte Substanz bzw. die Reste davon noch sinnvoll instand zu setzen sind. Hm. Für den Moment überwiegt trotzdem die Freude, hier zu sein, die Schlossruine mit eigenen Augen gesehen und die Schönheit darin erkannt zu haben. Dennoch mache ich mit gemischten Gefühlen auf den Heimweg.

Aber zurück zu meiner Liste. Ich habe noch so viel Material zu verwerten. Und noch so viel mehr weiter zu sammeln.


Weitere Hinweise:

Bauzeit: seit 1130

Derzeitige Nutzung: Leerstand

Besucht: 02 / 05 / 2021

Adresse: Johann-Zisser-Straße 12, 2486 Pottendorf, Österreich


Quellen und weiterführende Links:

Schloss Pottendorf, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Pottendorf

ARGE Heimatforschung, Heimatmuseum Rother Hof Pottendorf
http://www.rotherhof.at/rundgang/untergeschoss/schloss-und-herrschaftsgeschichte/baugeschichte-und-architektur/

2 Gedanken zu „Kontrollierte Verwahrlosung“

  1. Den Einstieg in diesen Artikel finde ich persönlich MEEEGA-gelungen. Beim Lesen dachte ich: „Hier ist jemand, dem es ganz genauso ergeht wie Dir…“
    Ich hatte es „bei mir“ ja auch schon das eine oder andere mal geschrieben (oder beklagt?)… man kommt sich oft genug vor, wie beim Wettrennen von Hase und Igel.
    Während die persönliche to-do-Liste immer weiter wächst, wächst auch die Panik, immer öfter zu spät zu sein, um das noch zu sehen und zu dokumentieren.
    Das Dokumentieren ist Dir hier wieder bzw. wie immer sehr gut gelungen.
    Ein sehr schöner Ort! Mir gefällt die Atmosphäre .- ich wäre hier sogar neugierig, wie dieser Ort im Winter aussehen würde.
    Mich persönlich regt es immer sehr auf, wenn solche wunderschönen Bauten einfach dem Verfall Preis gegeben werden… und das trotz Denkmalschutz. Es wird so viel Geld für so viel „Humbug“ ausgegeben… leider müßig, sich darüber aufzuregen.
    Recht vielen Dank auf jeden Fall fürs Zeigen dieses Ortes!
    Viele Grüße aus dem LostplaceWunderland
    der Frank

    Gefällt 1 Person

    1. Wow, vielen lieben Dank für die Blumen. 🙏
      Ich glaube wir leben noch in einer Zeit wo gerade noch ein Hauch von Ursprünglichkeit da ist, und auch wenn‘s schmerzt, müssen wir das zu schätzen wissen und uns an allem was es noch zu entdecken gibt, erfreuen.
      Viele Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

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