Allgemein, Baugeschichten

Davongeflogen

Jeder kennt sie. Zumindest jeder, der einmal mit dem 71er zum Zentralfriedhof gefahren ist. Die Kreuzung am Rennweg in Höhe der Fasangasse/Ungargasse. Dritter Wiener Gemeindebezirk, ganz in der Nähe von hier bin ich aufgewachsen. Diese Kreuzung ist in meiner Kindheitserinnerung der Inbegriff von urbanem Stadtverkehr, die Kreuzung an der ich gelernt habe, über die Straße zu gehen, wenn es einen durch Zebrastreifen und Ampeln geregelten Verkehr gibt. Jedes Gebäude, von dem diese Kreuzung umgeben war, hat sich mir auf eine ganz subtil-unterbewußte und doch sehr deutliche Art und Weise eingeprägt.

Da gab es einst ein Schirmgeschäft, hinunter hin zur Ungargasse, an deren Ecke noch lange nach seiner Schließung das riesige Werbeschild in Form einer grazilen Dame aus den 50er Jahren mit Regenschirm in die Luft ragte, und wo, wie mir erst viel, viel später erzählt wurde, meine Urgroßmutter arbeitete.

Ein weiteres Bauwerk, wenn man es als solches bezeichnen konnte, war die Schnellbahnstation Rennweg, damals nicht viel mehr als eine schmutzige Überdachung mit Abgang zu den Gleisen. Hier durfte ich erstmals alleine mit meinem Bruder ein Verkehrsmittel mit unterirdischer Gleisführung benutzen, um nach Floridsdorf zu fahren, von wo aus wir an einem unerträglich heißen Sommertag einen ebenso unerträglich langen Marsch in ‚den Garten‘ von der Oma zurück legten. Soweit ich mich erinnern kann, durften wir dort zwar die köstlichsten Marillen aufklauben, dennoch haben wir diese Unternehmung nie mehr wiederholt. Mittlerweile ist dieses Fleckchen Grün jenseits der Donau am anderen Ende der Stadt durch einen Bus an das ÖPNV-Netz in Wien angeschlossen und auf dem Grundstück steht nun seit vielen Jahren das Haus meines Onkels und seiner Frau. Und die überdachte Rennweg – Schnellbahnstation ist einem völlig unförmigen architektonischen Anti-Highlight gewichen, in welchem sich bis vor kurzem als einzige sinnvolle Nutzung zumindest noch eine kleine Postfiliale befand, aus dem einem mittlerweile zu später Stunde üblicherweise nur noch ein äußerst unangenehmer Geruch von abgestandener Pizza entgegen strömt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite von der Schnellbahn, jenseits der Straßenbahnschienen des 71ers war das Eisgeschäft, zu dem wir zu besonderen Anlässen wie nach der Zeugnisvergabe bzw. vor den Schulferien gegangen sind. Erinnern kann ich mich jedoch nur an ein einziges und eher unrühmliches Mal, als mir zwei frische Kugeln vom Stanitzel (dt. Eistüte) hinuntergefallen sind bevor ich auch nur einmal daran habe schlecken können. Nicht etwa weil ich das Eis nicht ordentlich gehalten habe, sondern weil die Eisverkäuferin die Kugeln nicht fest genug auf die Waffel gedrückt hat. Ein neues Eis habe ich übrigens nicht bekommen.

Und an der Straßenecke befand sich der Fasanl-Wirt. Eine Konstante und Institution an einem Platz, der sich über die Jahrzehnte hindurch stetig verändert hat. Bemerkenswert ist, dass die Fasangasse und das sogenannte „Fasanviertel nicht zuletzt dem damaligen Bierhaus „Zum Fasan (Fasandl)“ in einem Vorgängerbau seinen Namen verdankt. In späteren Zeiten hieß die Gaststätte dann „Weißer Fasan“ (1795), „Roter Fasan“ (1962) und eben bis zuletzt „Fasanl-Wirt“. Das uns bekannte Gründerzeitgebäude, welches bedauerlicherweise nicht unter Denkmalschutz steht, ist eines der wenigen Gebäude in der Fasangasse, welches die weitreichenden Zerstörungen des zweiten Weltkriegs im näheren Umkreis des damaligen Südbahnhofs überstanden hat. Angeblich dürfte sogar Ludwig van Beethoven in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während er unweit von hier in der Ungargasse 4 logierte, öfter mal im Weißen Fasan auf ein Krügerl vorbei geschaut haben.

Den letzten größeren Umbau hat der Fasanl-Wirt vermutlich in den 70er Jahren erfahren. Richtig einladend sah er für mich nie aus. Drinnen war’s zu dunkel, um hineinschauen zu können, und richtig vertrauenserweckend war der kurze Blick, den ich durch den bodenlangen, schweren Vorhang am Eingang erhaschen konnte, wenn die Tür zufällig mal offen stand – was nicht allzu häufig vorkam – auch nicht. Die Marillenpalatschinken auf der draußen in einer Vitrine aushängenden Speisekarte haben mich beim Vorbeigehen zwar immer wieder angelacht, hineingegangen bin ich letztlich dann doch nie. Umso bestürzter war ich dann an jenem frühlingshaften Tag im Mai 2017, als ich im Rahmen eines Wien-Besuchs nur noch das geschlossene Lokal und an der Fassade die Abdrücke des abmontierten Schriftzuges „Fasanl-Wirt“ aus Einzelbuchstaben vorfand. Als letztes Indiz dafür, was hier mal drinnen war.

Panisch zückte ich meine Handykamera um dieses Bild für mich festhalten. Kurz bevor nichts mehr von dieser für mich sehr langen Geschichte zu sehen war.


Weitere Hinweise:

Bauzeit des Gebäudes: um 1900.

Merkmale und Besonderheiten: Wohn- und Geschäftshaus. Eckgebäude mit Erker, Erdgeschoss + 4 Obergeschosse + 1 Dachgeschoss als Aufstockung. 2. – 4. OG Fassadenbekleidung aus Backsteinen, aufwändige verputzte Fenstergewände. Dachaufstockung im 5. Obergeschoss minderer Qualität bzw. unterste Schublade. Das Gebäude Rennweg 24 / Fasangasse 2 steht nicht unter Denkmalschutz.

Schließung der Gaststätte: Frühjahr 2017

Derzeitige Nutzung (2019): Selbstbedienungs-Backshop

Besucht am 14 / 05 / 2017

Adresse: Rennweg 24 / Fasangasse 2, 1030 Wien, Österreich

Quellen & Weiterführende Links:

Wien Geschichte Wiki
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Fasangasse ki3.at

Verein für Kommunikation, Kunst und Kultur
http://1030wien.at/fasanlwirt-der-vierte-wirt-im-bereich-der-ungargasse-hoert-auf

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