Allgemein, Baugeschichten, Reisezeilen

Einmal ausbüxen.

Was ich immer schon einmal machen wollte: Einmal über das Leithagebirge gehen. 

Zwischen 1989 und 1998 wohnten wir in Eisenstadt, der kleinen burgenländischen Landeshauptstadt im äußersten Osten Österreichs. Wir waren der Arbeit meiner Mutter im Haydn-Konservatorium wegen von Wien nach Eisenstadt gezogen und auch wenn mich die Jahre meiner frühen Jugend bestimmt stark geprägt haben und mir die pannonische Landschaft seither tief im Herzen steckt, richtig wohlgefühlt habe ich mich dort offen gestanden nie. Zu sehr war ich verankert und eingebunden gewesen in meiner kleinen Welt im dritten Wiener Gemeindebezirk, habe das Wiener Straßenbahnnetz genauso geliebt wie jedes einzelne Museum das ich besucht hatte, meinen Schulweg durch die Strohgasse, und das Schreibgeschäft auf halber Strecke, meine Klassenlehrerin und Schulkameraden, den Hochstrahlbrunnen am Schwarzenbergplatz, den Mammutbaum im Botanischen Garten, die Eibenhecken im Belvederegarten, hinter denen ich mich so häufig versteckt hatte. 

All das gab es in Eisenstadt nicht. Mein Bruder und ich tüftelten utopische Pläne mit neuen Bahntrassen für eine Schnellverbindung nach Wien aus, lernten die Fahrpläne der unsäglichen und ultra-komplizierten Zugverbindungen zwischen Wien und Eisenstadt auswendig und sind auf der Strecke nicht selten in Neusiedl am See oder in Müllendorf gestrandet. Letztlich stand uns aber immer ein topographisches Problem im Wege: Das Leithagebirge. Hinter der Gloriette oberhalb vom Konservatorium, hinter der Pfadfinderwiese am Ende vom Buchgrabenweg beim ORF-Landesstudio Burgenland war der Horizont Richtung Norden zuende.

Zu den schöneren Erinnerungen in Eisenstadt, die es durchaus gab, gehörten die Stunden jeden Samstag Nachmittag auf der Pfadfinderwiese und der Hütte im Wald, wo ich meine ersten Berührungspunkte mit Kartenlesen und im Wald wandern hatte, wenn auch nur im ganz Kleinen.

Und auch wenn ich es nie wirklich in Erwägung gezogen und es mich ohnehin nie getraut hätte, spontan abzuhauen, der Gedanke lag nahe. Einmal zu Fuß über das Leithagebirge gehen, am höchsten Punkt die burgenländisch-niederösterreichische Grenze überschreiten und auf der anderen Seite herauskommen, das wäre es gewesen. Gemacht habe ich es damals natürlich nie, sondern erst Jahrzehnte später, in diesem Frühling 2021.

Ich hatte mir die Route von Donnerskirchen über die Kaiser-Franz-Josef-Warte nach Mannersdorf zurecht gelegt, um möglichst viele Highlights auf der Strecke mitzunehmen und das nachgestellte Ausbüchsen so aufregend wie möglich zu gestalten.

Das Leithagebirge also. Der allerletzte und östlichste Ausläufer der Alpen. Danach kommt (topographisch) erst mal nichts und dann die Karparten. Die Alpen haben hier eigentlich absolut nichts damit zutun was man sich von ihnen vorstellt, um mit allen Vorurteilen aufzuräumen. Von einer Waldgrenze ist man ohne Witz (höhen-)kilometerweit entfernt, die großen und spektakulären Aussichten findet man genauso wenig im dichten Laubwald aus Eichen, Hainbuchen und Rotbuchen wie Nadelbäume. Als Kind kannte ich kaum etwas anderes als genau das.

Nachdem ich Donnerskirchen, den kleinen Ort am Fuße des Leithagebirges mit seiner weit sichtbaren gelben Kirche am Berg hinter mir gelassen habe, und langsam in den Wald eintauche während sich von hinten eine Wetterfront nähert erinnere ich mich – ich war nicht älter als sechs oder sieben Jahre alt — an einen im Sturm umstürzenden Baum irgendwo hinter der Eisenstädter Gloriette. Ich war damals hin- und hergerissen zwischen Staunen über die Naturgewalten wie ich sie noch nie gesehen hatte und großer Furcht.

Ich erinnere mich an die Aktionen mit der Eisenstädter Pfadfindergruppe, unseren Orientierungsläufen, den Standard-Wanderungen zur Johannesgrotte, der Kürschnergrube, den Lagerfeuern hinter der Pfadfinderhütte, unsere Wochenendlager, wo wir die alten, schweren Zelte auf der Wiese aufgeschlagen haben, und noch so viel mehr.

Gedankenversunken laufe ich durch den irgendwie immer gleich aussehenden Wald und werde begleitet vom stärker aufkommenden Wind, der genau dieses charakteristische Blätterrauschen erzeugt. Da war die Frage wieder. Kann man Bäume und Wälder an ihrem Klang erkennen?

Mitten im Wald und knapp hinter der burgenländisch-niederösterreichischen Landesgrenze, steht fast unscheinbar und versteckt die 1889 errichtete Kaiser-Franz-Josef-Warte auf bescheidenen 443 Metern über dem Meeresspiegel.

In der Regel hat man von der Aussichtswarte eine ausgezeichnete Aussicht auf den Neusiedlersee, aber ausgerechnet jetzt erreicht mich die unerwartete Kaltfront und ein ungemütlicher Graupelschauer. Eine authentisch alpine Stimmung kommt hier trotzdem nicht auf.

So bekannt und vertraut mir das Terrain bis an diese Stelle war, ist mir der alte Schmugglerweg zwischen Österreich und Ungarn auf der Nordseite hinunter nach Mannersdorf völlig fremd und unbekannt, aber umso neugieriger laufe ich vorbei und durch an den Resten einer alten Natursteinmauer, durch die „Mannersdorfer Wüste“ mit dem alten Kloster St. Anna.

Irgendwann spuckt mich der Wald aus, vor mir liegt der riesige Steinbruch von Mannersdorf.

Hier entlang der Nordseite wird seit langer Zeit munter Leithakalk abgebaut, dass man denken könnte, vom Hang ist bald nichts mehr übrig. Der Wiener Stephansdom und ein Großteil der Ringstraßenbauten bestehen aus diesem Gestein. Eine ambivalente Szenerie, die innerliche Gewissenskonflikte zum Vorschein bringt. Während meine persönliche wirtschaftliche Existenz letztlich von der Bauwirtschaft abhängt, ich eine ausgeprägte Faszination für menschgemachten Tagebau habe und Kiesgruben wie Steinbrüche toll finde, ist diese Art des Raubbaus an der Erde heute nicht mehr zeitgemäß. Anderes Thema. Ich mach’ noch eine Geschichte über Upcycling.

Einen Blick in die Vergangenheit lohnt an dieser Stelle dennoch. Unweit des Steinbruchs befindet sich der historische und ehemalige Kalkschachtofen „Baxa“, 1893 errichtet und heute nach vielen Jahren Leerstand glücklicherweise ein Museum für Kalkofen- und Steinabbau.

Was für ein cooles Teil aber auch! Mir bleibt die Spucke weg. Staunend erkunde ich das Gelände dieses wirklich außergewöhnlichen Industriedenkmals, das auf den ersten Blick aussieht wie eine buddhistische Stupa. Die Kombination der hier eingesetzten Materialien, Ziegelmauerwerk, Putz, Naturstein, Holz und Metall ist einfach unschlagbar.
Ich lerne: bei 2 x Hornsignal wegen Sprengungen im Steinbruch in Volle Deckung zu gehen. So ein Warnmechanismus wäre in bestimmten Alltagssituationen auch ganz brauchbar.

Über einen kleinen, und liebevoll gestalteten Lehrpfad gehe ich weiter hinunter nach Mannersdorf. Das Straßendorf am nördlichen Rande des Leithagebirges wirkt wie ein zufällig arrangiertes Sammelsurium, aus der einige Bauwerke deutlich hervorstechen. Der Renaissance-Schüttkasten, welcher heute das Stadtmuseum beherbergt oder das Alte Rathaus, im Kern ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert, aber in den 1920 stark umgebaut, wie man im Hinterhof ganz eindeutig erkennen kann.

Verwahrlostes Schmuckstück des Ortes ist der im 16. Jahrhundert errichtete Perlmooser-Hof. Ursprünglich Thermalbad, später Drahtzugfabrik und dann Wohnhaus. Heute leerstehend und ziemlich heruntergekommen, scheint dem Anwesen bald eine Luxussanierung bevorzustehen, ich möchte es gar nicht so genau wissen. 

Ich konzentriere mich auf das was ich jetzt sehe, umrunde den Komplex vier oder fünf mal, bedaure, dass der Innenhof nicht zugänglich ist, versuche so viel Atmosphäre und Details wie möglich zu verinnerlichen und stelle fest: Haydn war hier. Ein Gedenkstein erinnert daran, dass die beiden Herren Komponisten Joseph Haydn und Christoph Willibald Gluck in diesem Hause einander trafen. Vermutlich beim Baden.

Irgendwie kann man es fühlen, dass man sich in Niederösterreich aufhält und nicht mehr im Burgenland, schwer zu sagen, woran das liegt. Ich fahre mit dem Bus nach Götzendorf zum Bahnhof und blicke durchs Fenster zurück zum Leithagebirge, das von hier aus aussieht wie ein langgestreckter, flacher Hügel. Und dennoch zwei Welten voneinander trennt.


Weitere Hinweise:

Gegangen am 26 / 04 / 2021

Die Tour zum Nachgehen auf komoot.de


Quellen und weiterführende Links:

Leithagebirge, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Leithagebirge

Kaiser-Franz-Josef-Warte, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiser-Franz-Joseph-Warte_(Hof_am_Leithaberge)

Mannersdorfer Wüste, St. Anna Kloster
https://de.wikipedia.org/wiki/Naturpark_Mannersdorf-Wüste

Naturpark Mannersdorfer Wüste
http://www.diewuestemannersdorf.at

Museum Kalkofen Baxa
https://www.kalkofenbaxa.at

Liste der denkmalgeschützten Objekte in Mannersdorf am Leithagebirge
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_denkmalgeschützten_Objekte_in_Mannersdorf_am_Leithagebirge

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